Getagged: Wohnung

Die, in der Boris die Wände mit Zirkel, Geodreieck und Wasserwaage verputzt. Weil muuuhss.

Wissen Sie: Ich renoviere ja noch immer. Allerdings ist aus der ersten, euphorischen „Hurra-uns-gehören-170m2-auf-denen-wir-uns-austoben-können-jippie-ei-oh“-Haltung nach zehn Wochen eine leicht gereizte „Himmel-Arsch-und-Zwirn-wann-ist-diese-Scheiße-endlich-vorbei“-Stimmung geworden. Ich bin wirklich ein geduldiger Mensch, den nichts so schnell erschüttern kann und der sich auch nicht zu schade ist, wochenlang mit Baustaub und Farbe besprenkelt durch die Gegend zu laufen oder auch kräftig mit anzupacken, aber sagen wir’s doch, wie es ist: Solange man nicht das nötige Kleingeld hat und die komplette Sanierung einer alten Wohnung, die neu aussehen soll, in professionelle Hände legen kann – solange self-saniert man sich zum Deppen und muss erkennen: Renovieren ist die neue Depression.

‚Iche gemacht in meine Land – keine Problem!‘

In den letzten Wochen, als die Zeit immer knapper wurde, die Wohnung jedoch nicht fertiger, da mussten wir zu Plan B übergehen und uns eingestehen, dass es ohne Hilfe nicht packbar war, die Baustelle jemals in „schöner Wohnen“ zu verwandeln. Also holten wir uns Hilfe – und da war er dann: Boris, seines Zeichens Bauarbeiter aus der Ukraine, der bei jeder Aufgabe, die wir ihm gaben, mit stolz geschwellter Brust sagte: „Iche gemacht in meine Land – keine Problem!“ Und dann verputzte, verlegte und verbaute er alles, was ihm in die Quere kam. Manchmal mit fragwürdigen Methoden, bei denen viele Fragezeichen in unseren Augen aufblitzten, aber auf unser Nachhaken, warum er dies und jenes eben so machte, wie er es machte, sagte er stets nur: „Weil muuuhss!“ – damit war das Thema für ihn erledigt und sein bereits gebrochenes Deutsch versiegte vollends. Er macht einfach weiter, rührte ungerührt im Zement, verspachtelte emsig – und wenn ich ihm dabei zu lange zusah, fühlte er sich bemüßigt, mir sein Tun zu erklären. Und wieder nickte er selbstgefällig, strich mit seiner Kelle zärtlich über die Wand und sagte: „Muuuhss glatt!“

 ‚Keine Käse! Kein Tomat! Keine Hahn!‘

Ich hatte unter anderem die Aufgabe übernommen, das Baustellenteam mittags zu verköstigen, also kochte ich täglich emsig vor mich hin und machte einer Diätköchin aller Ehre, die sich den kulinarischen Befindlichkeiten ihrer Gäste anpasst. Boris hatte die ein oder andere Unverträglichkeit, die mir Rätsel aufgab („Keine Käse! Kein Tomat! Keine Hahn!“), doch seine Antwort auf mein neugieriges Nachfragen, was beim Genuss besagter Lebensmittel mit ihm passieren würde (Blähungen? Erbrechen? Hirnschlag?), blieb doch relativ unbeantwortet („Weil muuuhss!“). Aber gut, ich will ja nicht meckern, denn Boris machte seinen Job schon sehr gut und war eine riesengroße Hilfe auf der Baustelle. Das einzige Problem mit ihm war, dass er ein Perfektionist war und ein Faible für kerzengerade Wände hatte, die er tagelang akribisch mit Zirkel, Geodreieck und Wasserwaage länger verputzte, als es gedauert hatte, sie vor hundert Jahren da hin zu stellen (eh schon wissen: „Muuuhss glatt!“). Also zeigte ich oft mahnend auf meine Uhr und deutete an, dass er an Tempo zulegen soll. „Warum?“ kam da sehr häufig bockig und mit Unverständnis im Blick von ihm. Da ich aber dazu gelernt und an meinem Ukrainisch gearbeitet hatte, folgte ein akzentfreies „Weil muuuhss!“ von mir – ja ja, wie du mir, so ich dir …

Wenn Sie das lesen, ist die Wohnung – Himmel, Arsch und Zwirn! – übrigens fertig, Gott hab sie selig. Mein Vorsatz für 2011? Keinen Finger mehr in Sachen Baustelle zu krümmen. Und erst recht keine Kolumne übers Renovieren zu schreiben. Warum? Weil muuuhss!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 01/2011)

Die, in der der Einsatz von verbaler Sexualität beim Renovieren nicht hilft

Wissen Sie: Ich renoviere ja jetzt. In der Theorie heißt das, dass ich mir lässig einen Werkzeuggürtel um die Hüften schlinge, gekonnt mit Wasserwaage und Diamantbohrer jongliere und mit Handwerkern tiefsinnige Gespräche über die geplante Gasbodenunterleitung führe. In der Praxis leider doch eher, dass ich beim Renovierungs-Chinesisch dümmlich aus der Wäsche schaue, permanent im Weg stehe und versaute Baustellenwitze erfinde, um mangelndes Talent fürs Renovieren zu kaschieren.

Ich würde ja gerne sagen, dass ich zwei linke Hände habe, aber da ich links und rechts noch nie gut voneinander unterscheiden konnte, sage ich lieber: Ich bin sowohl grob-, als auch feinmotorisch ziemlich bewegungsflexibel und in Sachen Werkzeug-Gattungstheorie wohl auch eher das dümmste Kind der Klasse. „Gib mir mal den Schlosserhammer mit Glasfaserstiel“ – „Öhm, ja, ist das der, der so schön glitzert? Warum heißt der so komisch, wenn er wie ein normaler Hammer aussieht? Was macht man damit? Gibt’s den auch in Rosa?“ Ja ja. Hör mal, wer da hämmert? Hör mal, wer da belämmert fragt! Ich lerne daraus: Alle Folgen von „Tool Time“ gesehen zu haben, macht einen noch nicht zum Heimwerkerking.

 Hör mal, wer da hämmert? Hör mal, wer da belämmert fragt!

Aber ich bemühe mich wirklich und begreife bereits am ersten Tag das Wesentliche: Wenn man etwas rundum richtig machen will, ist die Grundlage das A und O – in meinem Fall also das Aussehen und das Outfit. Von nix kommt ja nix. Meine ersten Beobachtungen auf der Baustelle, die eines Tages Wohnung werden soll, sagen mir: Ein Sicherheitshelm lässt einen viel mehr nach professionellem Heimwerker aussehen. Also laufe ich gefühlte fünf Kilometer im Baumarkt ab und suche danach. Finde nichts und suche daher einen motivierten Mitarbeiter. Der ist offenbar kurz vor der REM-Phase und zählt gerade Schrauben statt Schafen, was heißt: Weil ich ihn geweckt habe, kompensiert er Müdigkeit mit Unfreundlichkeit und schickt mich blaffend einen Gang weiter. Da sind sie dann auch, meine Sicherheitshelme, allerdings bloß in Weiß und auf dem obersten Regal. Also gehe ich zurück zum angehenden Mitarbeiter des Monats. „Vielleicht ist Ihnen entgangen, dass ich nicht fünf Meter groß bin, aber würden Sie mir bitte einen herunterholen?“ Nicht mal der Einsatz von verbaler Sexualität entlockt ihm ein Lächeln, er schlurft mir nur widerwillig hinterher und angelt vielseitig desinteressiert nach einen Sicherheitshelm. „Sonst noch was?“ schleudert er mir maulig entgegen. Ich schaue auf den weißen Helm in meinen Händen, dann auf sein missmutiges Gesicht – und beschließe, dass der Kunde nach wie vor König ist. „Gibt’s den auch in Rosa mit Hello Kitty-Branding?“ frage ich, doch dann meine ich, ein manisches Glitzern in seinen stumpfen Augen zu erkennen – und bin schnell weg, ehe er mich mit einem Zementsack erschlägt. So einen Amoklauf im Baumarkt soll man ja nicht unterschätzen.

Meinen Sicherheitshelm habe ich übrigens mit Hello Kitty-Pickerln aufgehübscht und trage ihn voller Stolz. Bei den Handwerkern wecke ich damit eine gekonnte Mischung aus Beschützerinstinkt und geiler Phantasie, also wird mein Leben auf der Baustelle richtig entspannt. Ich hab’s ja gesagt: Beim Renovieren ist die Grundlage das Ah und Oh!

 


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 11/2010)

Die, in der der Orgasmus eines Schweines 30 Minuten lang dauert

Wissen Sie: Neulich las ich in einer Spaß-Mail, dass der Orgasmus eines Schweines 30 Minuten lang dauert. Seitdem habe ich die Theorie, dass eine meiner Nachbarinnen ein Schwein ist. Denn täglich von 22 bis 22.30 Uhr dringen so laute Balz-Schreie aus dem nächtlichen Innenhof durch mein Fenster, dass ich mein eigenes Sexualleben hinterfragen muss. Bin ich ein bemitleidenswertes Würstchen, weil ich im Bett nicht hysterisch kreische, als wäre Hansi Hinterseer höchstpersönlich und nackt hinter mir her? Ist die Lautstärke tatsächlich ein Beweis für guten Sex? Oder teilt meine Nachbarin ihr Bett mit einem Duracell-Adonis, der sich Viagra statt Zucker auf das morgendliche Müsli streut? Vielleicht gibt es gar eine sexuelle Vorliebe, die sich über ausdauerndes Schreien definiert, und sie brüllt gar nicht freiwillig, sondern versucht nur, ihren armen Partner zu befriedigen, der unter aktuter Schreiitis leidet? Ich weiß es nicht, ich werde auch nicht nachfragen, ich weiß nur, dass ich jede Nacht ein armes Schwein bin. Weil mich das Gekreische nervt und mein Orgasmus nicht 30 Minuten dauert.

Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie die Abdrücke der Klaviertasten tagelang auf ihrem Hintern zu sehen sein würden.

Langsam habe die Theorie, dass ich Nachbarn mit einem allzu gesunden Sexualtrieb anziehe. Egal, wo ich wohne: Alle Nachbarn haben mehr Sex als ich. Meine letzte Wohnung lag im Erdgeschoss, über mir wohnte eine exaltierte Klavier- und Gesangslehrerin, die mich mit ihren musikalischen Einlagen beinahe täglich zum Amok-Lauf aufforderte. Entweder hörte ich stundenlang unmusikalische Kinder „Häschen in der Grube“ atonal in der Endlosschleife klimpern, oder die gute Dame schulte ihr grässliches Stimmchen, indem sie enervierende Etüden oder die chromatische Tonleiter bei gefühlten dreitausend Dezibel herauspresste.

Eines Abends, es war nach 22 Uhr, ertönte wieder mal das vertraute und verhasste Taktklopfen ihrer üblichen Klavierstunden. Erst wunderte ich mich, um welche Uhrzeit sie unterrichtete. Danach erstaunte mich, wie unglaublich schlecht der vermeintliche Schüler den Takt anschlug. Doch als ihr kreischendes Stimmchen erklang, merkte ich schlagartig, dass dieses Mal keine Etüden zu mir schallten, sondern orgiastisches Glücksgeschrei. Und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie die Abdrücke der Klaviertasten tagelang auf ihrem Hintern zu sehen sein würden.

Während sie sich auf ihrem Klavier in den siebten Himmel ritt, ritt mich der Teufel.

Das fröhliche Klavier-Rollenspiel wiederholte sich Abend für Abend. Mittlerweile feuerte ich die gute Dame an, damit sie schneller zum Ende kam und ich in Ruhe fernsehen konnte. Doch eines Abends übermannte mich die Neugierde. Unser Haus wurde gerade renoviert, und während sie sich auf ihrem Klavier in den siebten Himmel ritt, ritt mich der Teufel und ich stieg aus dem Fenster auf das Gerüst. Kletterte klammheimlich nach oben, um einen kleinen Blick zu riskieren. Sind wir nicht alle ein bisschen Voyeur? Und dann sah ich es. Es war … nein, das verrate ich nicht, vielleicht liest die gute Dame mit und schämt sich ob ihrer sexuellen 12-Ton-Musik ein klein wenig. Nur so viel: Ich konnte niemandem etwas wegschauen, und schweinisch war es auch nicht, was ich sah. Ich ärgerte mich nur darüber, dass meine Neugierde nicht befriedigt wurde. Die Klavierlehrerin aber auch nicht. Ätsch!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 07/2008)