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Die, in der ich im „Café Bendl“ über Nacht Eltern wurde

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Wissen Sie:
Der Abend fing ja nicht so optimal an. „Wos schaust denn so deppert, G’schissene?“ rief er mit verrauchter Stimme dröhnend durch das Lokal. Er stand windschief an der Theke, eine verschwommene Mischung aus Helmut Qualtinger und Manfred Deix, und wirkte in seiner Derbheit ganz so, als gehöre er zum Inventar vom „Café Bendl“, verlebt, aber verehrt, eine trinkende Legende, an der die langen Nächte ebenso Spuren hinterlassen hatten wie an der holzvertäfelten Bar, an der er lehnte.

„Wos schaust denn so deppert, G’schissene?“ war also seine Frage, weil mein Blick ihn auf der Suche nach der Kellnerin den Bruchteil einer Sekunde zu lange gestreift hatte. Ich beschloss, lieber nicht zu antworten, sah weg und unterhielt mich mit dem D., mit dem ich hergekommen war, um an einem versteckten Tisch in plüschigen Sesseln versunken über das Leben zu sinnieren.

Eine Stunde später hatte sich der Windschiefe zu einem Pärchen am Nebentisch gesetzt und hielt mit seiner brummigen Stimme einen Monolog. Die beiden schienen nicht allzu glücklich über seine Anwesenheit. Ihre verzweifelten Blicke in unsere Richtung weckten zwar unser Mitleid, allerdings nur bis zu dem Moment, als der Windschiefe seinen Blick auch zu unserem Tisch schweifen ließ.

Er sah den D. und mich lange prüfend an. Nahm meine blond gefärbten Haare zur Kenntnis, meine grünen Augen, senkte dann den Blick zu meinen Brüsten. Nickte. Sah den D. an und nickte sich weiter zu dessen naturblonden Haaren und blauen Augen. Nippte an seinem Bier und sah uns mit erstaunlich klarem Blick an.

„Heast, ihr hättet’s so scheene Kinder“, sagte er dann.
Der D. verschluckte sich fast an seinem Bier.
„Das ist echt nett, aber wir haben keine Kinder miteinander“, antwortete er.
Der Windschiefe brummte etwas Unverständliches, musterte uns kopfschüttelnd und wandte sich wieder dem Pärchen am Nebentisch zu.

Überlegte es sich wieder anders, drehte sich um und sah den D. an.
„Heast, du bist doch schwul!“ sagte er dann.
Jetzt verschluckte ich mich an meinem Bier.
„Nein“, sagte der D., und ich ergänzte: „Der ist alles andere als schwul.“

Der Windschiefe aha-te und mhm-te vor sich hin und sah den D. zweifelnd an.
„Host Beweise?“ fragte er dann.
„Nun ja“, antwortete der D. sanft, „Ich habe drei Kinder.“
„Mit ihr?“ fragte der Windschiefe mit einem freudigen Zucken im linken Augenlid und deutete auf mich.
„Donn san’s sicher scheen!“
„Nein“, sagte ich jetzt ich, „nicht mit mir.“

„Also doch schwul“, schlussfolgerte der Windschiefe.
„Nein“, erklärte der D. geduldig, „mit einer anderen Frau.“
„Eigentlich mit zwei Frauen. Das ist nicht wirklich schwul, oder?“ half ich dem D. weiter.
Der trat mich unter dem Tisch.
Der Windschiefe trank mit einem Schluck sein Bier aus und dachte nach.
„San’s schneene Kinder?“ fragte er dann.
Der D. und ich nickten.
„Host Beweise?“ fragte der Windschiefe.

Wieder nickte der D. und zückte sein iPhone.
Der Windschiefe sah sich die Kinderfotos an, aha-te und mhm-te erneut vor sich hin. Dann entdeckte er etwas.
„Wer is des?“
„Meine Exfrau. Die Mutter der Kinder“, erklärte der D.
De schaut guat aus“, urteilte der Windschiefe.
Der D. nickte erfreut, der Windschiefe wurde aber wieder skeptisch.
„Und die Kinder sind sicher von dir?“ gab er zu bedenken. „I man, weil du doch schwul bist.“
Jetzt verschluckten der D. und ich uns beide an unserem Bier, während der Windschiefe sein neues Bier ex nahm.

„Und ihr seid’s g’schieden?“ fragte er dann.
Der D. nickte.
„Weil du schwul bist?“
Der D. schüttelte so fest den Kopf, dass es bedenklich in seinem Genick knackte.
Der Windschiefe sah wieder mich an.
„Mit ihr wären de G’schroppen aber schöner geworden.“
Der D. atmete jetzt hörbar schwer, also übernahm ich das Gespräch.
„Du, das ist echt lieb von dir, aber es ist so…“ sagte ich, doch der Windschiefe winkte ab und lehnte sich vertrauensvoll zu mir. Und flüsterte gut hörbar für den D. und den Rest des ersten Bezirks: „Mir kannst du’s ja sagen. DER IST DOCH SCHWUL. Aber schneen wären’s, eure Kinder!“

Der D. und ich sahen uns dann doch schon ein Haucherl verzweifelt an, als jetzt wir unsere Biere mit einem Schluck leerten, weil der Windschiefe sich wie selbstverständlich zu uns an den Tisch setzte und weiter neugierig zwischen uns hin- und hersah.
„Nachschub für die Eltern“, dröhnte er dann Richtung Theke, und ehe wir in Tränen oder Panik ausbrechen konnten, standen zwei frische Bier vor uns.
„Auf die scheenen Kinder!“ brummte er und sah uns erwartungsvoll an.
Der D. und ich hoben verschämt unsere Gläser und verständigten uns unter dem Tisch nonverbal mit ordentlichen Fußtritten. Ich glaube, an dieser Stelle dachten wir parallel daran, heimlich mit den Füßen einen Fluchtweg nach draußen zu graben oder dem Windschiefen einfach Recht zu geben, Mama und schwuler Papa zu werden und drei scheene Kinder zu kriegen.

Eine Stunde und einen Hektoliter Bier später musste der D. gehen und verabschiedete sich von mir.
„Wos? Du gehst? Ohne die da?“ fragte der Windschiefe schockiert. „Heast, du bist doch wirklich schwul!“

Als ich wenig später im Bett lag und die Welt sich verschwommen um mich drehte, war ich nicht mehr in Lage, viel über diesen Abend nachzudenken.
Ich glaube aber, mein letzter Gedanke war: „Der D. hätte mir echt sagen können, dass er schwul ist. Wir hätten doch so scheene Kinder haben können!“


(bisher unveröffentlicht)

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Die, in der ich zum Taubenschreck von Wien werde

Wissen Sie: Es ist jeden Abend dasselbe Ritual. Das erste Mal mach ich es, wenn es dämmert. Da bin ich recht leise, weil ich weiß, dass es eigentlich noch zu früh dafür ist – aber die Ungeduld, Sie wissen schon … Das zweite Mal dann gegen 22 Uhr. Da bin ich schon lauter, sonst hört man mich ja nicht, und das wäre vergeudete Kraft, das wollen wir ja auch nicht. Das dritte Mal passiert kurz vor dem Einschlafen. Da laufe ich zur Höchstform auf und schreie mir die Seele aus dem Leibe, damit die Botschaft ankommt und es für den Tag vorbei ist. Und dann fürchten sich meine zwei Balkontauben so richtig vor mir und schlafen lieber woanders.

Wo sollen sie denn hin, sind ja doch nur arme Sandler-Vogerln, kein Haus, kein Hof, kein Hund …

Falls Sie es noch nicht wissen: Ich bin der Taubenschreck von Wien. Und das nicht, weil ich es will, sondern weil ich von ihnen dazu getrieben wurde. Es gab durchaus Zeiten, da hatte ich noch hehre Gefühle für die zwei – oder zumindest Mitleid. Sie wissen schon: Wo sollen sie denn hin, sind ja doch nur arme Sandler-Vogerln, kein Haus, kein Hof, kein Hund, und am Wiener Naschmarkt fressen ihnen ja die anderen Tauben alles weg, die Gier, die Gier, das kennt man ja. Also war ich jahrelang nachsichtig und ließ sie immer wieder auf meinen Balkon – bis ich eines Tages auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Auf dem ein riesengroßer Berg Taubenscheiße lag. Sie glauben, die Stuhlmenge von Tauben verhält sich proportional zu ihrem Körpergewicht? Vergessen Sie’s. Meine zwei schaffen locker die Menge einer Mastkuh mit Durchfall.

Die Tauben, die bis jetzt gemütlich auf zwei von ihnen bis oben hin voll gekackten Blumentöpfen geschlafen haben, schrecken panisch hoch und versuchen zu fliehen.

Deshalb wurde ich zum Taubenschreck von Wien und brülle zum Amüsement meiner Nachbarn jeden Abend drei Mal die Viehcher ins Nirvana. Ich habe lange an dieser Technik gefeilt, aber nun läuft’s wie geschmiert. Stellen Sie sich das so vor: Ich schleiche mich indianer-esk gen Balkontür, das Mondlicht lässt in meinen Pupillen das Wort „Mord“ funkeln, ich lege eine Hand an die Türklinke, neben der zur optischen Untermalung ein Besen lehnt, mit dem ich … nun, haben Sie Geduld – der Spannungsbogen, denken Sie an den Spannungsbogen! Also: Ich stehe da, linse um die Ecke und erkenne zwei sanft schlummernde Tauben. Fast schon niedlich. Nennen wir sie, damit’s persönlicher wird und Sie meine Aggressionen verstehen, Adolf und Eva – also gar nicht mehr niedlich. Dann geht die Operation erst richtig los. Drei, zwo, eins – meins: Ich reiße mit voller Wucht die Balkontür auf, fuchtle wie Dagmar Koller auf Speed mit dem Besen herum, brülle mir die Seele aus dem Leibe – irgendein Kauderwelsch aus „Taube, du Arschlochtier“ und „Ich weiß, wo dein Haus wohnt“ – und dann beginnt das ganz große Kino. Die Tauben, die bis jetzt gemütlich auf zwei von ihnen bis oben hin voll gekackten Blumentöpfen geschlafen haben, schrecken panisch hoch und versuchen zu fliehen. Fliegen erst desorientiert gegeneinander, zack, die ersten Federn rieseln zu Boden, krachen dann gegen das Balkongeländer, peng, die Flügel sind angeknackst, verheddern sich panisch gurrend in meiner Wäscheleine und retten sich letztendlich hysterisch flatternd auf den Baum im Innenhof – natürlich donnern sie vorher gegen den Stamm, krach, Taubengehirnerschütterung, arme, arme Vogerln. Ich indes reibe mir auf dem Balkon die Hände und freue mich über die erfolgreiche Taubenschreckoperation.

Bis sie drei Stunden später wieder pumperlg’sund und bumsfidel auf meinen Blumentöpfen sitzen und ihre Vogeldärme entleeren.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 05/2010)

Die, in der der Herr Christoph vorkommt

Die, in der der Herr Christoph vorkommt

Wissen Sie: Es ist vielleicht in, dass sich eine Frau für jede Situation einen Mann nimmt (einen zum Reden, einen fürs Bett, einen fürs Bankkonto, einen für Reparaturen), aber ich gehöre zur altmodischen Spezies und warte auf den einen, der alles abdeckt. Doch solange der nicht auftaucht – solange nehme ich den Herrn Christoph.

Der Herr Christoph kommt aus Polen und ist Handwerker. Ob er das professionell gelernt hat oder bloß pfuscht, seit er geschlechtsreif ist, kann ich nicht sagen, nur: Er kann einfach alles. Und das offenbar so gut, dass meine Vermieterin ihm Zugang zu ihrem Bett und ihrem Herzen gewährt hat. Dabei könnten sie gegensätzlicher nicht sein: Während er aus einfachen Verhältnissen stammt, Fußball für Hochkultur hält und um die 50 ist, ist sie ausgesucht vornehm, besitzt ein großes Wohnhaus und geht auf die 70 zu. Gerüchten zufolge lernten sie sich kennen, als Sanierungsarbeiten im Hause notwendig waren. Herr Christoph kam nach Wien, legte los – und ward in Polen nie mehr gesehen. Wenn Nachbarn ihn morgens aus ihrer Wohnung kommen sahen, redete sie sich stets auf Renovierungsarbeiten heraus und schämte sich jahrelang dafür, dass sie ihr Herz an einen Handwerker verloren hatte. Und dennoch: Irgendwann stand sie zu ihrer Liebe.

‚Liebelein, sicher ist hier und da Fleck, aber wir gehen zu Baumarkt und nicht zu Bundespräsident!‘

Seither ist der Herr Christoph die gute Seele bei uns im Haus. Sein österreichisch-polnischer Charme und seine Wortgefechte mit meiner Vermieterin amüsieren mich jedes Mal aufs Neue. Als wir mal zusammen zum Baumarkt fahren wollten, meckerte sie über sein Gewand: zu schlampig, zu schmutzig, das kennt man ja. „Aber Liebelein, sicher ist hier und da Fleck, aber wir gehen zu Baumarkt und nicht zu Bundespräsident“, nahm er ihr den Wind aus den Segeln. Oder als er beschloss, sich einen Bart wachsen zu lassen. Sie regte sich fürchterlich auf. Doch wieder hatte der Herr Christoph Argumente. „Liebelein, ich lass wachsen, solang kann. Bin ich alt und grau, dann bist du traurig, wenn dich nimmer kitzelt meine Haar!“

‚Samma ehrlich, Post is depperter als Stroh!‘

Der Herr Christoph ist das i-Tüpfelchen auf meinem Mietvertrag. Während meine Vermieterin respektvoll „Frau Kreulitsch“ zu mir sagt, duzt er mich und sagt abwechselnd „schene Frau Jasemin“, „meine schene Mädchen“ oder „meine Jasemin, die is schener als wie Polizei erlaubt“ und küsst mir bei jedem Treffen die Hand. Neulich traf ich ihn, als er unsere neuen, EU-genormten Briefkästen montierte. Er erklärt mir, wie er die Namen der einzelnen Mietparteien angebracht hatte. Deutet auf meinen Namen und sagte: „Ich wollt schreiben ‚mein schenes Jasmin‘ statt ‚Kreulitsch‘. Aber is a bled, kommt Post nicht an.“ Danach folgte eine Schmährede auf unseren Briefträger. „Samma ehrlich, Post is depperter als Stroh!“ Denn die neuen Briefkästen haben einen zu breiten Schlitz, so der Herr Christoph, und er demonstrierte mir gleich, dass er die Post rausfischen kann. „Und ich hab harte, dicke Männerhand. Kann auch zärtlich sein, aber: kann auch Post fladern!“ Diese Wuchteln haut er immer mit stoischer Miene raus, während er eine Wand verspachtelt oder mir die Einkaufssackerln nach oben trägt. Neulich trafen wir uns in der Früh. Er stand auf einer Leiter, schraubte an einer Lampe und sagte: „Guten Morgen, meine schene Mädchen, gut geschlafen?“ Ich bejahte. „Alleine?“ Wieder nickte ich. Herr Christoph kratzte seinen Bart. „Brav. Aber a bled. Und wo war ich?“

Sie haben die perfekte Wohnung oder den perfekten Mann für mich? Nein danke, ich habe ja den Herrn Christoph.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 11/2012)