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Die, in der ich zum Taubenschreck von Wien werde

Wissen Sie: Es ist jeden Abend dasselbe Ritual. Das erste Mal mach ich es, wenn es dämmert. Da bin ich recht leise, weil ich weiß, dass es eigentlich noch zu früh dafür ist – aber die Ungeduld, Sie wissen schon … Das zweite Mal dann gegen 22 Uhr. Da bin ich schon lauter, sonst hört man mich ja nicht, und das wäre vergeudete Kraft, das wollen wir ja auch nicht. Das dritte Mal passiert kurz vor dem Einschlafen. Da laufe ich zur Höchstform auf und schreie mir die Seele aus dem Leibe, damit die Botschaft ankommt und es für den Tag vorbei ist. Und dann fürchten sich meine zwei Balkontauben so richtig vor mir und schlafen lieber woanders.

Wo sollen sie denn hin, sind ja doch nur arme Sandler-Vogerln, kein Haus, kein Hof, kein Hund …

Falls Sie es noch nicht wissen: Ich bin der Taubenschreck von Wien. Und das nicht, weil ich es will, sondern weil ich von ihnen dazu getrieben wurde. Es gab durchaus Zeiten, da hatte ich noch hehre Gefühle für die zwei – oder zumindest Mitleid. Sie wissen schon: Wo sollen sie denn hin, sind ja doch nur arme Sandler-Vogerln, kein Haus, kein Hof, kein Hund, und am Wiener Naschmarkt fressen ihnen ja die anderen Tauben alles weg, die Gier, die Gier, das kennt man ja. Also war ich jahrelang nachsichtig und ließ sie immer wieder auf meinen Balkon – bis ich eines Tages auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Auf dem ein riesengroßer Berg Taubenscheiße lag. Sie glauben, die Stuhlmenge von Tauben verhält sich proportional zu ihrem Körpergewicht? Vergessen Sie’s. Meine zwei schaffen locker die Menge einer Mastkuh mit Durchfall.

Die Tauben, die bis jetzt gemütlich auf zwei von ihnen bis oben hin voll gekackten Blumentöpfen geschlafen haben, schrecken panisch hoch und versuchen zu fliehen.

Deshalb wurde ich zum Taubenschreck von Wien und brülle zum Amüsement meiner Nachbarn jeden Abend drei Mal die Viehcher ins Nirvana. Ich habe lange an dieser Technik gefeilt, aber nun läuft’s wie geschmiert. Stellen Sie sich das so vor: Ich schleiche mich indianer-esk gen Balkontür, das Mondlicht lässt in meinen Pupillen das Wort „Mord“ funkeln, ich lege eine Hand an die Türklinke, neben der zur optischen Untermalung ein Besen lehnt, mit dem ich … nun, haben Sie Geduld – der Spannungsbogen, denken Sie an den Spannungsbogen! Also: Ich stehe da, linse um die Ecke und erkenne zwei sanft schlummernde Tauben. Fast schon niedlich. Nennen wir sie, damit’s persönlicher wird und Sie meine Aggressionen verstehen, Adolf und Eva – also gar nicht mehr niedlich. Dann geht die Operation erst richtig los. Drei, zwo, eins – meins: Ich reiße mit voller Wucht die Balkontür auf, fuchtle wie Dagmar Koller auf Speed mit dem Besen herum, brülle mir die Seele aus dem Leibe – irgendein Kauderwelsch aus „Taube, du Arschlochtier“ und „Ich weiß, wo dein Haus wohnt“ – und dann beginnt das ganz große Kino. Die Tauben, die bis jetzt gemütlich auf zwei von ihnen bis oben hin voll gekackten Blumentöpfen geschlafen haben, schrecken panisch hoch und versuchen zu fliehen. Fliegen erst desorientiert gegeneinander, zack, die ersten Federn rieseln zu Boden, krachen dann gegen das Balkongeländer, peng, die Flügel sind angeknackst, verheddern sich panisch gurrend in meiner Wäscheleine und retten sich letztendlich hysterisch flatternd auf den Baum im Innenhof – natürlich donnern sie vorher gegen den Stamm, krach, Taubengehirnerschütterung, arme, arme Vogerln. Ich indes reibe mir auf dem Balkon die Hände und freue mich über die erfolgreiche Taubenschreckoperation.

Bis sie drei Stunden später wieder pumperlg’sund und bumsfidel auf meinen Blumentöpfen sitzen und ihre Vogeldärme entleeren.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 05/2010)