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Die, in der ich das Wort Hyperkortisolismus rückwärts rülpse

Wissen Sie: Als ich klein war, gab es nichts Schöneres, als krank zu sein. Den ganzen Tag auf der Couch vor dem Fernseher liegen, von meiner Mutter umsorgt werden und die „Bravo“ nicht heimlich lesen, sondern erlaubt, weil man als krankes Kind ja so bemitleidenswert ist, dass man pädagogische Grenzen sprengen kann. Doch sobald ich von zu Hause ausgezogen war und das erste Mal krank wurde, ohne dass sich jemand darum scherte, ob ich genug trinke und die „Bravo“ neben dem Bett liegen habe, wurde ich zwanghaft gesund. Wer sich selbst mal gleichzeitig Essigpatscherln an Händen und Füßen verpasst hat, weiß: Es macht keinen Spaß, in seinem eigenen Salat zu schmoren und in saurer Bettwäsche aufzuwachen. Seitdem bin ich chronisch gesund. Fantasien darüber, einen Tag lang wegen Kopfschmerzen im Bett liegen zu bleiben, habe ich selten. Das ist mein Alltag (schließlich bin ich freie Autorin).

 Wo ist die Pubertät, wenn man sie braucht?

Dafür traf es mich mit voller Wucht, als ich das erste Mal einen kranken Mann erlebte. Und wünsche mich postwendend in die Zeit zurück, in der Jungs doof, New Kids on the Block noch nicht aufgelöst und Schulterpolster so was von hip waren. Wo ist die Pubertät, wenn man sie braucht? Mein damaliger Freund P. war durchaus erwachsen, stand seinen Mann im Beruf, war eloquent, belesen, politisch engagiert. Aber wenn er sich einredete, krank zu werden, verpuffte jedes Grad seines Niveaus im eingebildeten Fieberwahn. Ein bisschen Halsweh? „Es war schön mit dir“, sagte er mit bebender Stimme, „aber es geht zu Ende mit mir.“ Ein bisschen Fieber? „Ich hab die Vogelgrippe“, flüsterte er pathetisch seufzend, „ich muss sterben“. Besonders unterhaltsam wurde es, wenn er versuchte, mit seiner Deppen-Logik seine angebliche Anamnese schlüssig zu reden. „Ich weiß, ich hab jetzt erst eine triefende Nase. Aber das kann schlimmer werden! Und dann rebelliert meine Lunge! Mein Herz! Meine Nieren! In drei Stunden könnte ich schon an einer Lungenentzündung gestorben sein!“ Dazu gab’s dann immer die übliche Show. Röcheln, rotzen, rumjammern – und ein Blick in meine Richtung á la „Du machst es wieder gut.“ Hallo? Wer bin ich denn? Zürich Kosmos?

Eines Tages konnte ich mich rächen. Ich hatte (unvorgetäuschte) Kopfschmerzen und sagte: „Schatz, mein Kopf tut weh – lass uns das vertagen“. Woraufhin er mir erklärte, es wäre wissenschaftlich erwiesen, dass Sex bei Kopfschmerzen die beste Medizin sei. Da konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen: „Schatz, jetzt sind es nur Kopfschmerzen, aber was ist, wenn es nach dem Sex ein Gehirntumor ist?“

Seitdem möchte ich werden wie meine Freundin S. Sie ist eine so starke Persönlichkeit, dass jeder Hypochonder in ihrer Nähe freiwillig pumperlgesund sein möchte. Über Männer, die permanent leiden, macht sie sich lustig, so auch vor einer Weile über einen Bekannten, der mehr Zeit seines Lebens in eingebildete Krankheiten investiert, als ich je benötigen würde, um das Wort Hyperkortisolismus rückwärts zu rülpsen. Eines Tages erfuhr sie, dass dieser Kerl gestorben war. Und sprach mir aus der Seele, als sie spontan rausplatze: „Jetzt übertreibt er aber!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 12/2008)

Die, in der andere Leute Sex haben

Wissen Sie: Ich weiß, Sex sells. Aber jedes Mal, wenn ich mich in einer Kolumne auf die schlüpfrige Schiene begebe, sehe ich meinen Vater vor mir. Wie er bei der Frisöse seines Vertrauens sitzt, den „Kärntner Monat“ liest und sich anhören muss: „Ihre Tochter, die ist ja ein ziemliches Früchtchen … ein bisschen fixiert, gell?“ Deshalb schließe ich an dieser Stelle einen Kompromiss. Ich schreibe über Sex. Aber nicht über meinen. Das sellt sicher auch. Die folgende Geschichte bestimmt. Passt ja auch zu Kärntens berühmtestem Stabreim: Fortgehen, fett werden, fremdgehen.

‚War ich gut?‘ – ‚Ach, wir hatten Sex?‘

Meine Freundin, die an dieser Stelle nicht genannt werden möchte, trank sich eines Nachts nicht nur drei Promille an, sondern auch einen Typen schön und ging mit ihm nach Hause auf ein letztes Bier, was eigentlich – wie jeder weiß – die Metapher dafür ist, dass man sturzbesoffen durchs Bett turnt und am nächsten Morgen beschämt nebeneinander aufwacht. Nach dem ersten peinlichen Moment („Wie war noch mal dein Name?“) und Rekonstruktionen der letzten Nacht („War ich gut?“ – „Ach, wir hatten Sex?“), einigten sie sich pragmatisch („Wenn wir schon mal nackt sind …“) darauf, dass sie bestimmt nicht grundlos miteinander im Bett gelandet waren und wollten ihre frisch gewonnene Sympathie darin ausdrücken, jetzt mal Sex zu haben, an den sie sich auch erinnern konnten. Gaben sich die Hand drauf und legten los. Doch genau in dem Augenblick, in dem die beiden es in der Leibesmitte kräftig klingeln lassen wollten, klingelte sein Handy. Öha!

Und dann fing der Erotik-Krimi an: Als er auf das Display sah, schoss das Blut aus seiner Leibesmitte schneller, als er „In flagranti“ sagen konnte, nach oben. Hochrot nahm er den Anruf an, stotterte ein paar Worte, legte auf und sprang panisch aus dem Bett. „Scheiße, meine Freundin ist auf dem Weg hierher!“ brüllte er und deutete ihr mit einer eindeutigen Geste an, dass sie sich gefälligst anziehen und schleichen sollte. Doch er hatte nicht mit meiner Freundin gerechnet. Die begann, übers ganze Gesicht zu strahlen. „Geil! So etwas kenne ich nur aus dem Fernsehen!“ Und während sein Gesicht langsam die Farbe der weißen Bettwäsche annahm und er hektisch versuchte, auf einem Bein in seine Unterhose zu steigen und meine Freundin mit dem anderen aus dem Bett zu treten, setzte die sich entspannt auf, schob sich ein Kissen in den Rücken und zündete sich erwartungsvoll eine Zigarette an. Fehlte nur, dass sie ihn um einen Becher Popcorn und ein paar Käse-Nachos gefragt hätte, um sich ihre eigene Version von „Eine verhängnisvolle Affäre“ aus der ersten Reihe anzusehen.

Das tat sie dann aber doch nicht, da der Knabe fast schon Schaum vor dem Mund hatte und bedenklich mit seinen Extremitäten zuckte. Sie fand, es wäre vergebene Liebesmüh gewesen, wenn ihn ein Schlaganfall dahinraffen würde, ehe seine Freundin ihn in flagranti erwischt hatte, also räumte sie gönnerhaft das Feld.

Mein Vater hat seiner Frisöse übrigens geantwortet: „Ganz der Papa“. Jetzt liest er den „Kärntner Monat“ lieber bei der Pediküre.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 03/2010)

Die, in der niemand über schlechten Sex lachen will

Wissen Sie: Als ich dreizehn war, verliebte ich mich im Ferienlager unsterblich in B. Doch nach drei Tage Beziehung kam es zum peinlichen Showdown. Er besuchte mich in meinem Zimmer, aber da ich es mit vier anderen Mädchen teilte, zogen wir uns auf den Balkon zurück. Die Sterne über uns strahlten, wir lauschten in die Stille der Nacht und küssten uns – bis die Ruhe deutlich hörbar unterbrochen wurde, als mein Magen rebellierte und ich B. in den Mund rülpste. Danach küsste er mich nicht mehr. Weil wir den Fehler machten, die Panne tot zu schweigen, anstatt uns darüber lustig zu machen. Denn Sex ist, wenn man trotzdem lacht. Vor allem über sich selbst.

Während ich meine blauen Flecke zählte und hysterisch gackerte, drehte er sich verschämt zur Seite und zweifelte an seiner Manneskraft.

So wie unlängst beim Jahreswechsel, als es im Freundeskreis wieder mal um Sex ging. Und ich musste die Hose runterlassen und gestehen, dass ich genau diese im Jahr 2007 immer anbehalten hatte. „Um meine Sex-Quote von 2007 zu verdoppeln, muss ich 2008 nur einmal Sex haben“, sagte ich feixend und lachte herzhaft über mich. Und nahm mir vor, dass im neuen Jahr alles anders werden würde. Sex noch dieses Jahr! Das dachte ich zumindest. Ich verbrachte kürzlich ein Wochenende bei einem Bekannten. Wir waren unterwegs auf Kneipen-Tour und hatten bald mehr Promille als Paris Hilton Gehirnwindungen, bis wir irgendwann in seinem Schlafzimmer endeten beim hoffnungsvollen Versuch, Sex zu haben. Doch offenbar lag Murphy’s Gesetz zwischen uns, denn alles ging schief, was schief gehen kann. Mein linkes Knie krachte gegen seine Nase, sein Kopf donnerte gegen mein Kinn, und als er mich nach weiter oben im Bett schob, um mich nach allen Regeln der Kunst zu lieben, knallte er meinen Kopf gegen die holzvertäfelte Wand, dass ich mehr Sternchen sah, als bei RTL je interviewt wurden. Und wieder passierte das, was mir als 13-Jährige widerfahren war. Er konnte nicht darüber lachen. Während ich meine blauen Flecke zählte, hysterisch gackerte und im Geiste diese Kolumne formulierte, drehte er sich verschämt zur Seite und zweifelte an seiner Manneskraft.

Die einzige Größe, auf die es im Bett ankommt, ist Humor!

Weil in dieser Nacht nichts mehr groß wurde außer seinen Komplexen, verkniff ich mir jedes weitere Herumulken – bis zum nächsten Abend. Wir waren mit seinen Freunden essen, ich prostete ihm zu. Da brachte er die Plattitüde: „Schau mir in die Augen, sonst hast du sieben Jahre schlechten Sex“. Und ich konterte: „Ich dachte, das hatten wir schon gestern!“ Zufällig saß Murphy’s Gesetz erneut neben uns, sodass nicht nur er, sondern all seine Freunde meine Aussage hörten und mich für den Rest des Abends eisern anschwiegen und mieden, als wäre ich die Brut Satans. Und ich frage mich: Warum können Männer bloß nicht über Pannen im Bett lachen? Die einzige Größe, auf die es dort ankommt, ist doch Humor!

Sex 2008? Von wegen. Er hat sich seit diesen Tagen nicht mehr gemeldet. Vielleicht habe ich es verdient. Aber vielleicht hätte er einfach mit Humor ins Bett gehen sollen statt mit mir.


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 02/2008)

Die, in der ich „Verpiss-dich“-Schuhe kaufe, verliere und wiederfinde

Wissen Sie: Schuhe können ja Seelen heilen, davon bin ich überzeugt. Und sie können Schicksal spielen. Ich habe es selbst erlebt. Eines Tages stand ich in einer fremden Stadt mit der Hoffnung im Herzen, S. zu treffen. Er war zum damaligen Zeitpunkt ein mögliches „Vielleicht“ – aber auch der Typ „tragischer Held ohne Garantie“, der viel versprach, aber wenig davon hielt. Und er sagte ab. Ließ mich sitzen in einer Stadt, tausend Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Es gab nur einen Gedanken, der mir durch den Kopf ging: Ich werfe diesen Mann aus meinem Leben! Ich war so verletzt, enttäuscht und wütend zugleich, dass ich umgehend das tat, was eine echte Frau tut. Ich beschloss, mich sofort neu zu verlieben. Auf der Stelle, mit Leib und Seele, koste es, was es wolle! Also ging ich in den nächsten Laden und kaufte mir ein Paar Schuhe. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und ich wusste: Die werden mich nicht enttäuschen! Als ich sie anprobierte, fühlte ich Glück in mir aufsteigen, und in einer Mischung aus Trotz und Galgenhumor taufte ich die hübschen Sandalen an meinen Füßen „Verpiss-dich“-Schuhe. Und wusste: Mit denen laufe ich aus dem Leben von S.

Ich weinte bitterlich. Nicht um die Schuhe, sondern um das, wofür sie standen.

Monate später auf einer Party. Ich trug wie in all den Wochen zuvor DIE Schuhe und versuchte, mich glücklich zu trinken. S. war nicht mehr in meinem Leben, aber die Schuhe waren mir treu. Zumindest bis der Morgen graute. Denn als ich von der Tanzfläche an den Tresen zurückkam, wo ich meine Sandalen liebevoll geparkt hatte, waren sie nicht mehr da. Keine Chance auf Wiedervereinigung, sie hatten mich verlassen. Also ging ich nach Hause. Barfuss. Und weinte bitterlich. Nicht um die Schuhe, sondern um das, wofür sie standen. Mir wurde klar, dass ich die Schuhe als Metapher für S. betrachtet hatte. Weil ich sie verloren hatte, fühlte es sich an, als hätte ich ihn für immer verloren.

Ein Jahr später war ich wieder in der Stadt, in der mich S. versetzt hatte. Ich hatte nicht vor, ihn zu sehen, aber dann schlug mein Schicksal zu. Als ich durch die Straßen lief, kam ich an dem Laden vorbei, in dem ich die „Verpiss dich“-Schuhe gekauft hatte. Magisch angezogen ging ich rein, um vergangene Wunden zu lecken und mich zu erinnern – und dann traf es mich wie aus heiterem Himmel. Da waren sie. Strahlend schön, glänzend und sexy zugleich – meine Schuhe, mein Schicksal, mein S. Ich grinste über das ganze Gesicht, als ich mit der Tüte den Laden verließ, und als ich die Schuhe zum zweiten ersten Mal trug, wusste ich: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

So ging es mir übrigens auch mit S. Der ist nämlich wieder in meinem Leben aufgetaucht – genauso unverhofft wie die Schuhe. Mal sehen, ob er bleibt. Die Schuhe stehen jedenfalls in meinem Vorzimmer. Nur heißen sie jetzt nicht mehr „Verpiss-dich“-Schuhe, sondern „Vielleicht bleibt er“-Sandalen. Manchmal muss man eben etwas verlieren, um es wiederzufinden. Nicht die Zeit heilt alle Wunden, sondern Schuhe. Und manchmal läuft man in den richtigen Schuhen zum richtigen Mann.


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 11/2007)

Die, in der ich eine talentbefreite Romantikerin in Kombination mit einer nicht praktizierenden Spießerin bin

Wissen Sie: Ich bin ja eine talentbefreite Romantikerin in Kombination mit einer nicht praktizierenden Spießerin. Was im Alltag bedeutet, dass ich mich mit Zynismus aus allem rette, was mir gefährlich werden und alte Verhaltensmuster aufbrechen könnte. Und das ist gut so, denn als Teenager hatte ich solch verklärte Ideale, dass ich heute nur eine obszöne Geste dafür übrig habe: Mit 16 einen Freund finden und ein halbes Jahr mit ihm zusammen sein, ehe ich mein erstes Mal mit ihm erlebe. Mit 18 das Studium beginnen und in Mindestdauer beenden. Anschließend promovieren. Mit 24 einen großartigen Job plus den Mann meines Lebens finden. Mit 26 heiraten, mit 27 das erste Kind bekommen, mit 29 das zweite. Mit 30 dann Haus, Hof und Hund – und wenn wir nicht gestorben sind, dann … bin ich 31, chronischer Single und hab 100 Paar Schuhe.

Wir küssten, kicherten, knabberten …

Als ich mit 16 tatsächlich einen wunderbaren Freund hatte und nach einem halben Jahr zur Sache gehen wollte – als Romantikerin natürlich mit Kerzenschein und stimmungsvoller Musik (heute mit Gänsehaut des Grauens: „The Best of Chicago“) – ging die Verführung im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose. Wir küssten, kicherten, knabberten – dann wollte er mir das Top aus der Hose ziehen. Dummerweise trug ich einen Body – was er leider nicht merkte, ich dafür umso mehr, denn er zog und zog und zog. Als der Body ausgeleiert und der Schmerz an meinem Allerwertesten so unerträglich war, dass ich beinahe mit Peter Cetera um die Wette gejault hätte, wies ich ihn hochrot darauf hin, dass man dieses Teil anders auszieht. Woraufhin er präkoital-entmannt das Weite suchte und ich erkannte, dass der Refrain „If you leave me now, you’ll take away the biggest part of me“ durchaus zynisch verstanden werden kann.

Ich habe Karriere gemacht und sogar den ein oder anderen Mann gefunden, der weiß, wie man einen Body auszieht.

Damals hätte ich eigentlich merken müssen, dass ich kein Talent dafür habe, meine Pläne zu realisieren. Weil die romantische Spießerin eine Rolle ist, die ich einfach schlecht spiele. Doch das wollte ich Anfang 20 nicht wahrhaben. Also bretterte ich talentbefreit meinen Träumen entgehen. Hatte pro Studiensemester mehr Promille als Prüfungen (manchmal auch miteinander kombiniert), suchte den Mann fürs Leben und fand immer nur den Mann für eine Saison. Bis ich endlich begriff, dass es so nicht weitergehen konnte und ich meine hehren Ideale direkt neben dem Traum von Karriere, Kind und Kegel begrub. Und plötzlich funktionierte mein Leben. Weil ich Ziele kleiner steckte und lernte, mir mehr Raum zu geben. Die Werte von Romantik und Spießerdasein mit Humor und Zynismus zu kompensieren und etwaige Schlappen wiehernd wegzulachen. Das Ergebnis: Ich habe Karriere gemacht und sogar den ein oder anderen Mann gefunden, der weiß, wie man einen Body auszieht. Okay, das mit Kind und Kegel hat noch nicht geklappt, aber das ist in Ordnung. Ich weiß sowieso nicht, ob ich die nötige Reife dafür hätte. Sie wissen schon: Wer kriegt das letzte Überraschungsei? (Ich!) Wer darf die Hello Kitty-Mütze tragen? (Ich!) Wer heult als erstes? (Ich!).

Heute weiß ich: Ich mache mich als chronische Zynikerin ohne exakte Lebensplanung viel besser. Weil es manchmal besser ist, Träume klein zu halten, damit sie groß werden können. Vielleicht gehe ich meinen Weg für viele Leute da draußen auf Umwegen. Aber wenigstens trage ich dabei hübsche Schuhe.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 07/2009)

Die, in der die Liebe hinfällt

Wissen Sie: Der V. war neulich kurzfristig verliebt. Aber so richtig. Mit Herzchen in den Augen, die ihm so die Sicht verklärten, dass er voller post-pubertärer Phantasien und irrationaler Zukunftspläne einer gewissen Frau quasi blind einen Heiligenschein aufsetzte, obwohl er sie noch gar nicht mal nackt gesehen hatte. Abgekürzt heißt das: Der V. war sich sicher, seine Traumfrau gefunden zu haben, mit der er spätestens übermorgen einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und ein Kind zeugen wollte.

Der Rest des Lebens kann gar nicht schnell genug anfangen, wenn man verliebt ist!

Der V. und ich saßen also bei unserem Stammtisch beim ersten Bier und er schwärmte mir von besagter Traumfrau vor. Er hatte sie eine Woche zuvor auf einer Geburtstagsparty kennen gelernt und ein paar Stunden mit ihr geredet. Und im Laufe dieses Abends entschieden: Die oder keine! „Sie ist total humorvoll, hat eine angenehme Stimme, ist dunkelhaarig, zierlich und eher der natürliche Typ. Und obwohl wir beide genug getrunken hatten, hab ich mir alles von ihr gemerkt“, erzählte er. Ich fragte: „Und wie heißt sie?“ Er antwortete: „Keine Ahnung.“ Also bestellten wir das zweite Bier und beschlossen, dass Namen in einer Beziehung wirklich keine große Rolle spielen, viel wichtiger ist doch der gemeinsame Lebensraum. Den wollte der V. ihr zuliebe gleich nach Kärnten verlegen, obwohl sie in Wien sicher leichter einen neuen Job finden würde, aber aus Liebe geht man ja dahin, wo der andere ist, also hatte der V. in den letzten Tagen bereits über die Kündigung seiner Wohnung nachgedacht, tick tack, Sie wissen schon: Der Rest des Lebens kann gar nicht schnell genug anfangen, wenn man verliebt ist!

Erster Kuss, erster Geschlechtsverkehr, erster Antrag.

Beim dritten Bier kamen wir dann drauf, dass es doch eine Sache gibt, bei der das Wissen um ihren Vornamen ganz praktisch gewesen wäre. Nämlich als der V. schon leicht bierselig in seine Schaumkrone grinste und mich fragte: „Was meinst du – soll ich ihr morgen einen Verlobungsring mitbringen?“ Am nächsten Tag sollte er besagte Traumfrau nämlich treffen, und da wollte er dann ihre Beziehung vorantreiben, tick tack, und gleich alles auf einmal erledigen: erster Kuss, erster Geschlechtsverkehr, erster Antrag – und zwischendurch vielleicht nach ihrem Vornamen fragen. Bis dahin hatte er aber eine Idee. „Ich gravier einfach ‚Ich & du’ und ‚Du & ich’ in die Ringe“, schlug er freudig vor und genehmigte sich noch einen Schluck. Wer achtet schon auf so kleine Details, wenn man noch das ganze Leben miteinander vor sich hat? Als wir das vierte Bier bestellten, hatte der V. einen super Plan geschmiedet, wie er das Fehlen des Vornamens seiner zukünftigen Ehefrau kaschieren könnte. „Weißt du was?“, schlug er sinnierend vor, „Ich nenne sie einfach gleich Mutti. Wenn wir uns morgen eh verloben, ist sie übermorgen schwanger und im Jänner – tick tack – haben wir drei Kinder, dann nennt sie mich sicher nur mehr Vati und es fällt nicht auf, dass ich ihren Namen nicht weiß!“ Ich nickte nur noch in mein fünftes Bier und malte mir mein Kleid als Brautjungfer für den V. aus, während er überlegte, in welche Schule er seine drei Kinder stecken sollte – mit der Planung der Ausbildung des Nachwuchses kann man ja nicht früh genug beginnen, tick tack, sonst wird aus den kleinen Rackern ja nichts …

Am Tag nach dem Date rief mich der V. übrigens nicht an, um mich zu seiner Hochzeit einzuladen, sondern zu unserem nächsten Stammtisch, bei dem wir die Tatsache wegtrinken wollten, dass er die Verlobung gelöst hatte, ehe er sie um ihre Hand gebeten hatte. Ja ja, wenn die Liebe hinfällt … Aber ihren Namen, den wissen wir jetzt wenigstens.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 12/2012)

Die, in der der Orgasmus eines Schweines 30 Minuten lang dauert

Wissen Sie: Neulich las ich in einer Spaß-Mail, dass der Orgasmus eines Schweines 30 Minuten lang dauert. Seitdem habe ich die Theorie, dass eine meiner Nachbarinnen ein Schwein ist. Denn täglich von 22 bis 22.30 Uhr dringen so laute Balz-Schreie aus dem nächtlichen Innenhof durch mein Fenster, dass ich mein eigenes Sexualleben hinterfragen muss. Bin ich ein bemitleidenswertes Würstchen, weil ich im Bett nicht hysterisch kreische, als wäre Hansi Hinterseer höchstpersönlich und nackt hinter mir her? Ist die Lautstärke tatsächlich ein Beweis für guten Sex? Oder teilt meine Nachbarin ihr Bett mit einem Duracell-Adonis, der sich Viagra statt Zucker auf das morgendliche Müsli streut? Vielleicht gibt es gar eine sexuelle Vorliebe, die sich über ausdauerndes Schreien definiert, und sie brüllt gar nicht freiwillig, sondern versucht nur, ihren armen Partner zu befriedigen, der unter aktuter Schreiitis leidet? Ich weiß es nicht, ich werde auch nicht nachfragen, ich weiß nur, dass ich jede Nacht ein armes Schwein bin. Weil mich das Gekreische nervt und mein Orgasmus nicht 30 Minuten dauert.

Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie die Abdrücke der Klaviertasten tagelang auf ihrem Hintern zu sehen sein würden.

Langsam habe die Theorie, dass ich Nachbarn mit einem allzu gesunden Sexualtrieb anziehe. Egal, wo ich wohne: Alle Nachbarn haben mehr Sex als ich. Meine letzte Wohnung lag im Erdgeschoss, über mir wohnte eine exaltierte Klavier- und Gesangslehrerin, die mich mit ihren musikalischen Einlagen beinahe täglich zum Amok-Lauf aufforderte. Entweder hörte ich stundenlang unmusikalische Kinder „Häschen in der Grube“ atonal in der Endlosschleife klimpern, oder die gute Dame schulte ihr grässliches Stimmchen, indem sie enervierende Etüden oder die chromatische Tonleiter bei gefühlten dreitausend Dezibel herauspresste.

Eines Abends, es war nach 22 Uhr, ertönte wieder mal das vertraute und verhasste Taktklopfen ihrer üblichen Klavierstunden. Erst wunderte ich mich, um welche Uhrzeit sie unterrichtete. Danach erstaunte mich, wie unglaublich schlecht der vermeintliche Schüler den Takt anschlug. Doch als ihr kreischendes Stimmchen erklang, merkte ich schlagartig, dass dieses Mal keine Etüden zu mir schallten, sondern orgiastisches Glücksgeschrei. Und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie die Abdrücke der Klaviertasten tagelang auf ihrem Hintern zu sehen sein würden.

Während sie sich auf ihrem Klavier in den siebten Himmel ritt, ritt mich der Teufel.

Das fröhliche Klavier-Rollenspiel wiederholte sich Abend für Abend. Mittlerweile feuerte ich die gute Dame an, damit sie schneller zum Ende kam und ich in Ruhe fernsehen konnte. Doch eines Abends übermannte mich die Neugierde. Unser Haus wurde gerade renoviert, und während sie sich auf ihrem Klavier in den siebten Himmel ritt, ritt mich der Teufel und ich stieg aus dem Fenster auf das Gerüst. Kletterte klammheimlich nach oben, um einen kleinen Blick zu riskieren. Sind wir nicht alle ein bisschen Voyeur? Und dann sah ich es. Es war … nein, das verrate ich nicht, vielleicht liest die gute Dame mit und schämt sich ob ihrer sexuellen 12-Ton-Musik ein klein wenig. Nur so viel: Ich konnte niemandem etwas wegschauen, und schweinisch war es auch nicht, was ich sah. Ich ärgerte mich nur darüber, dass meine Neugierde nicht befriedigt wurde. Die Klavierlehrerin aber auch nicht. Ätsch!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 07/2008)