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Die, in der ich „Verpiss-dich“-Schuhe kaufe, verliere und wiederfinde

Wissen Sie: Schuhe können ja Seelen heilen, davon bin ich überzeugt. Und sie können Schicksal spielen. Ich habe es selbst erlebt. Eines Tages stand ich in einer fremden Stadt mit der Hoffnung im Herzen, S. zu treffen. Er war zum damaligen Zeitpunkt ein mögliches „Vielleicht“ – aber auch der Typ „tragischer Held ohne Garantie“, der viel versprach, aber wenig davon hielt. Und er sagte ab. Ließ mich sitzen in einer Stadt, tausend Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Es gab nur einen Gedanken, der mir durch den Kopf ging: Ich werfe diesen Mann aus meinem Leben! Ich war so verletzt, enttäuscht und wütend zugleich, dass ich umgehend das tat, was eine echte Frau tut. Ich beschloss, mich sofort neu zu verlieben. Auf der Stelle, mit Leib und Seele, koste es, was es wolle! Also ging ich in den nächsten Laden und kaufte mir ein Paar Schuhe. Es war Liebe auf den ersten Blick. Und ich wusste: Die werden mich nicht enttäuschen! Als ich sie anprobierte, fühlte ich Glück in mir aufsteigen, und in einer Mischung aus Trotz und Galgenhumor taufte ich die hübschen Sandalen an meinen Füßen „Verpiss-dich“-Schuhe. Und wusste: Mit denen laufe ich aus dem Leben von S.

Ich weinte bitterlich. Nicht um die Schuhe, sondern um das, wofür sie standen.

Monate später auf einer Party. Ich trug wie in all den Wochen zuvor DIE Schuhe und versuchte, mich glücklich zu trinken. S. war nicht mehr in meinem Leben, aber die Schuhe waren mir treu. Zumindest bis der Morgen graute. Denn als ich von der Tanzfläche an den Tresen zurückkam, wo ich meine Sandalen liebevoll geparkt hatte, waren sie nicht mehr da. Keine Chance auf Wiedervereinigung, sie hatten mich verlassen. Also ging ich nach Hause. Barfuss. Und weinte bitterlich. Nicht um die Schuhe, sondern um das, wofür sie standen. Mir wurde klar, dass ich die Schuhe als Metapher für S. betrachtet hatte. Weil ich sie verloren hatte, fühlte es sich an, als hätte ich ihn für immer verloren.

Ein Jahr später war ich wieder in der Stadt, in der mich S. versetzt hatte. Ich hatte nicht vor, ihn zu sehen, aber dann schlug mein Schicksal zu. Als ich durch die Straßen lief, kam ich an dem Laden vorbei, in dem ich die „Verpiss dich“-Schuhe gekauft hatte. Magisch angezogen ging ich rein, um vergangene Wunden zu lecken und mich zu erinnern – und dann traf es mich wie aus heiterem Himmel. Da waren sie. Strahlend schön, glänzend und sexy zugleich – meine Schuhe, mein Schicksal, mein S. Ich grinste über das ganze Gesicht, als ich mit der Tüte den Laden verließ, und als ich die Schuhe zum zweiten ersten Mal trug, wusste ich: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben.

So ging es mir übrigens auch mit S. Der ist nämlich wieder in meinem Leben aufgetaucht – genauso unverhofft wie die Schuhe. Mal sehen, ob er bleibt. Die Schuhe stehen jedenfalls in meinem Vorzimmer. Nur heißen sie jetzt nicht mehr „Verpiss-dich“-Schuhe, sondern „Vielleicht bleibt er“-Sandalen. Manchmal muss man eben etwas verlieren, um es wiederzufinden. Nicht die Zeit heilt alle Wunden, sondern Schuhe. Und manchmal läuft man in den richtigen Schuhen zum richtigen Mann.


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 11/2007)

Die, in der ich eine talentbefreite Romantikerin in Kombination mit einer nicht praktizierenden Spießerin bin

Wissen Sie: Ich bin ja eine talentbefreite Romantikerin in Kombination mit einer nicht praktizierenden Spießerin. Was im Alltag bedeutet, dass ich mich mit Zynismus aus allem rette, was mir gefährlich werden und alte Verhaltensmuster aufbrechen könnte. Und das ist gut so, denn als Teenager hatte ich solch verklärte Ideale, dass ich heute nur eine obszöne Geste dafür übrig habe: Mit 16 einen Freund finden und ein halbes Jahr mit ihm zusammen sein, ehe ich mein erstes Mal mit ihm erlebe. Mit 18 das Studium beginnen und in Mindestdauer beenden. Anschließend promovieren. Mit 24 einen großartigen Job plus den Mann meines Lebens finden. Mit 26 heiraten, mit 27 das erste Kind bekommen, mit 29 das zweite. Mit 30 dann Haus, Hof und Hund – und wenn wir nicht gestorben sind, dann … bin ich 31, chronischer Single und hab 100 Paar Schuhe.

Wir küssten, kicherten, knabberten …

Als ich mit 16 tatsächlich einen wunderbaren Freund hatte und nach einem halben Jahr zur Sache gehen wollte – als Romantikerin natürlich mit Kerzenschein und stimmungsvoller Musik (heute mit Gänsehaut des Grauens: „The Best of Chicago“) – ging die Verführung im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose. Wir küssten, kicherten, knabberten – dann wollte er mir das Top aus der Hose ziehen. Dummerweise trug ich einen Body – was er leider nicht merkte, ich dafür umso mehr, denn er zog und zog und zog. Als der Body ausgeleiert und der Schmerz an meinem Allerwertesten so unerträglich war, dass ich beinahe mit Peter Cetera um die Wette gejault hätte, wies ich ihn hochrot darauf hin, dass man dieses Teil anders auszieht. Woraufhin er präkoital-entmannt das Weite suchte und ich erkannte, dass der Refrain „If you leave me now, you’ll take away the biggest part of me“ durchaus zynisch verstanden werden kann.

Ich habe Karriere gemacht und sogar den ein oder anderen Mann gefunden, der weiß, wie man einen Body auszieht.

Damals hätte ich eigentlich merken müssen, dass ich kein Talent dafür habe, meine Pläne zu realisieren. Weil die romantische Spießerin eine Rolle ist, die ich einfach schlecht spiele. Doch das wollte ich Anfang 20 nicht wahrhaben. Also bretterte ich talentbefreit meinen Träumen entgehen. Hatte pro Studiensemester mehr Promille als Prüfungen (manchmal auch miteinander kombiniert), suchte den Mann fürs Leben und fand immer nur den Mann für eine Saison. Bis ich endlich begriff, dass es so nicht weitergehen konnte und ich meine hehren Ideale direkt neben dem Traum von Karriere, Kind und Kegel begrub. Und plötzlich funktionierte mein Leben. Weil ich Ziele kleiner steckte und lernte, mir mehr Raum zu geben. Die Werte von Romantik und Spießerdasein mit Humor und Zynismus zu kompensieren und etwaige Schlappen wiehernd wegzulachen. Das Ergebnis: Ich habe Karriere gemacht und sogar den ein oder anderen Mann gefunden, der weiß, wie man einen Body auszieht. Okay, das mit Kind und Kegel hat noch nicht geklappt, aber das ist in Ordnung. Ich weiß sowieso nicht, ob ich die nötige Reife dafür hätte. Sie wissen schon: Wer kriegt das letzte Überraschungsei? (Ich!) Wer darf die Hello Kitty-Mütze tragen? (Ich!) Wer heult als erstes? (Ich!).

Heute weiß ich: Ich mache mich als chronische Zynikerin ohne exakte Lebensplanung viel besser. Weil es manchmal besser ist, Träume klein zu halten, damit sie groß werden können. Vielleicht gehe ich meinen Weg für viele Leute da draußen auf Umwegen. Aber wenigstens trage ich dabei hübsche Schuhe.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 07/2009)