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Die, in der ich mich nach zwei Wochen Online-Ehe wieder scheiden lasse

Wissen Sie: Ich hab mir ja vorgenommen, mich demnächst zu binden. So richtig und mit allem, was dazugehört. Eine lange Beziehung statt kurzer Leidenschaft, große Gefühle statt kleinen Gspusis – ich will quasi meine persönliche Katharsis vom Lebensabsturzpartner zum Lebensabschnittspartner durchlaufen. JETZT! Ich bin seit fünf Jahren Single und hab die Nase voll von der bescheuerten Balzerei, der sexuellen Selbstvermarktung und der peinlichen Partnersuche. Ich will gefunden werden! JETZT! Ich will das volle Programm mit verlieben, verloben, verheiraten. JETZT! Und ja, was schriftlich schon militant rüberkommt, ist in der Realität schlimmer als eine Geschlechtskrankheit oder öffentliches Liebäugeln mit H.C. Strache: beides unter der Gürtellinie!

 Jung, sexy, heiratswillig!

Und dann ist es passiert. Bevor ich mir überhaupt „Jung, sexy, heiratswillig“ auf die Stirn tätowieren lassen konnte, habe ich einen Antrag bekommen. Aber ich muss weiter ausholen. Wer mich kennt, weiß: Gibt es Trash im TV, bin ich ganz vorne dabei. So auch im Jänner, als die neue Staffel „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ lief. Wer mich besser kennt, weiß: Ich schaue solche Shows zwar mit Passion, mache mich aber ebenso leidenschaftlich über den Scheiß lustig. Und wer mich am besten kennt, weiß, dass ich sehr talentiert darin bin, Trinkspiele zu schlechten Fernsehsendungen zu erfinden. Also hab ich heuer das Dschungelcamp interaktiv erlebt, indem ich auf Facebook eine Gruppe gründete und Trink-Regeln dazu erfand. Am ersten Tag waren wir zu dritt und hatten eine Regel, beim Finale waren wir 50 und kämpften mit den finalen 26 Schluckbefehlen. Ja ja, der Klügere kippt nach.

 Verlieben, verloben, verheiraten. JETZT!

Und dann ist er passiert (ja, jetzt komme ich auf den Punkt). Ich kannte die meisten Gruppenmitglieder nicht, aber eines Abends geschah Folgendes: Ich schrieb einen meiner üblichen Lästerkommentar, der – das muss ich ja neidlos anerkennen – enorm lustig war. Ob es um den Verzehr von Schweineanus ging oder Brigitte Nielson und ihr Trauma rund um Sylvester Stallones Schrumpfhoden, ich weiß es nicht, bloß: Auf einmal antwortete ein Typ auf meinen Gag mit: „Heirate mich!“ Und änderte seinen Namen auf Facebook zu einem, bei dem mein Vorname eine große Rolle spielte. Unnötig zu erwähnen, dass mir das doch einen Zentimeter weit schmeichelte. Also checkte ich sein Profil. Und konnte nach dem ersten Foto nicht mehr „JA!“ schreiben, weil ich so stark sabberte, dass die Tastatur meines Notebooks bis zum nächsten Tag verklebt war. Da aber nahm ich mir die Zeit, die Vita meines zukünftigen Mannes zu recherchieren (also ihn manisch zu stalken) – und tropfte erneut meinen Rechner voll. Medizin-Studium (sabber!), Assistenzarzt (sabber!), Mitglied von Ärzte für die dritte Welt (sabber!), heute freier Filmschaffender von Dokumentationsfilmen (sabber!) – ein Lebenslauf, dessen Mischung aus Held in Weiß und kreativem Kopf mich mehr erregte als 20 nackte Matrosen zusammen. Und dann wollte ich erneut das volle Programm mit verlieben, verloben, verheiraten. JETZT!

Um es kurz zu machen: Wir führten zwei Wochen lang eine grandiose Online-Ehe. Nach dem Dschungel ließen wir uns allerdings scheiden. Weil wir dann die Zeit hatten, mal richtig zu reden und er mir vorschlug, mit seinem Lebenspartner auf Facebook befreundet zu sein. Da wollte ich dann selbst gerne in den Dschungel ziehen. Und hab meine Partnersuche vertagt.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 02/2012)