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Die, in der ich wegen einer Geburt Amok saufe

Wissen Sie: Ich hab es ja nicht so mit Kindern. Ich habe mir nie als Babysitterin mein Taschengeld aufgebessert, ich breche nicht in alberne Hysterie aus, wenn ich frisch gepresste Säuglinge sehe oder wollte je hormongesteuert und liebestrunken für die Fortpflanzung meiner Gene sorgen. Rotzverschmierte Kinder, die sich im Supermarkt plärrend auf den Boden schmeißen, weil sie keinen zehnten Lutscher kriegen, machen mich schlicht gesagt wahnsinnig. Für mich war immer klar: Ich mag Kinder nicht mal auf Fotos!

Der Muttermund war bei sechs Zentimetern, ich bei sechs Prosecco.

Das änderte sich schlagartig, als meine Schwester schwanger wurde. Bei der Geburt benahm ich mich so, wie werdende Väter im Fernsehen dargestellt werden: Vor Aufregung setzte mein Hirn aus – und ich betrank mich. Um 21 Uhr rief meine Schwester an und sagte, dass die Fruchtblase geplatzt ist und sie ins Krankenhaus fährt. Also stieß ich mal mit mir auf mein nahendes Patenkind an. Am nächsten Morgen war der Muttermund erst drei Zentimeter offen. Dennoch machte mich auf zur Klinik, man weiß ja nie, wie schnell so ein Baby kommt. Unterwegs trank ich einen Verlängerten, dann noch einen, dann noch einen, und nun ja: ein Glas Prosecco. Mein Schwager meldete sich nachmittags mit einem Muttermund-Update: Wir waren bei sechs Zentimetern, ich bei sechs Prosecco. Als meine Schwester dann endlich pressen durfte, hatte ich mich lokaltechnisch zur Klinik vorgearbeitet, aber beinahe so viele Promille wie es an Zentimetern beim Muttermund braucht, um ein Kind zu gebären. Nach 24 Stunden Geburtsvorgang hielt ich meine Nichte endlich im Arm, mein Blick war jedoch verschleiert. War aber auch gut so, denn meine Schwester wurde in diesem Moment an einer Stelle genäht, wo Nadeln definitiv nichts zu suchen haben.

‘Was willst du werden, wenn du mal groß bist? Prinzessin?’ – ‘Bin ich doch schon!’

Heute ist mein Nichtenkind fünf – und ich breche in Verzücken aus, wenn sie rotzverschmiert den zehnten Lutscher verlangt. Natürlich ist sie das schönste, klügste und lustigste Kind der Welt und ich versuche mich als eine Mischung aus cooler Tante und bester Freundin. Das funktioniert super, kann aber auch daran liegen, dass wir beide ein großes Bedürfnis haben, Kronen zu tragen, Hello Kitty und alles Rosarote mögen und Gemüse scheiße finden. Einmal unterhielten wir uns über ihre künftige Berufswahl. „Was willst du werden, wenn du mal groß bist? Prinzessin?“ fragte ich. Genervt rollte sie die Augen: „Bin ich doch schon!“ Ich bin mir zwar sicher, dass sie keine Ahnung hat, was Sarkasmus ist, aber sie hat ihn definitiv schon drauf. Bis heute weiß ich nicht, ob sie besonders reif ist oder ich – sagen wir: enorm anpassungsfähig an das geistige Niveau meiner Gesprächspartner – bin, aber wir führen seit einer Weile echt gute Gespräche. Zum Beispiel einmal morgens, als ich ins Bad gehen wollte. „Die Tante muss sich schminken gehen“, sagte ich. Sie nickte, dachte kurz nach und fragte: „Als was denn?“ – „Ähm, als … schön?“ versuchte ich zu erklären. Wieder nickte sie verständnisvoll: „Also als Schmetterling!“Diese Kinder-Logik hat sie übrigens perfektioniert. Unlängst, als wir uns mal gegenseitig schminkten und sie es schaffte, mehr Lidschatten auf einem Polster als in meinem Gesicht zu verteilen und ich schimpfen wollte, hatte sie erneut eine Antwort parat. „Ich weiß, wo das Problem ist“, sagte sie altklug und deutete auf den weißen Polster mit dem leuchtenden türkisen Fleck drauf, den ich niemals wieder rauskriegen würde. „Das hier ist zu weiß!“ Dann zeigte sie auf den Bettüberwurf, zwar auch weiß, aber mit einem goldenen Muster bedruckt: „Auf den Polster muss ein Muster. Dann sieht man den Schmutz nicht mehr.“

Was soll ich sagen? Am nächsten Tag gingen wir shoppen. Polster mit Muster.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 03/2012)

Die, in der ich Mama auf Probe bin

Die, in der ich Mama auf Probe bin

Wissen Sie: Ich war ja neulich Mama auf Probe. Meine Schwester musste beruflich verreisen, also zog meine Nichte zu mir. Dazu muss man wissen, dass Sophie und ich uns gerne wie Geschwister benehmen und äußerst verhaltensflexibel sind. Wir diskutieren stundenlang über das Gesamtwerk von „Prinzessin Lillifee“, fantasieren darüber, wie cool es wäre, wenn Haare nach Ketchup schmecken würden und beenden Gespräche eigentlich immer mit „Du hast angefangen!“ – „Nein du!“ –„Nein du!“ – „Nein du!“.

Wie sagen wir zu Gemüse? Pfui!

Wenn wir alleine sind, weiß Sophie zwar, dass ich jetzt der Boss bin, sie äußert aber regelmäßig ihre Zweifel: „Du bist so klein, du kannst gar nicht erwachsen sein!“ Keine Zweifel hat sie dafür in Sachen Humor. Sie hat längst durchschaut, dass ich sie liebend gerne ärgere und weiß ganz genau, was sie ernstnehmen muss und was nicht und stellt mich deshalb immer als „liebe lustige Reinleg-Tante“ vor. Manchmal wird mir das auch zum Verhängnis. Als sie drei war, rutschte mir mal ein Spruch raus, der sich gegen den Verzehr von Gemüse richtete, und ja, sagen Sie nichts, Pädagogen würden mich dafür mit 20 Kilo Brokkoli foltern. Heute ist sie sechs – und wenn wir in einem Restaurant sitzen und ich sie augenzwinkernd frage, ob wir Gemüsestrudel essen, obwohl ich weiß, dass sie ein Schnitzel will, schüttelt sie jedes Mal kichernd den Kopf und sagt: „Aber Tanti, du hast doch gesagt …“ Dann holt sie Luft, macht eine dramatische Pause, hebt die Stimme an, damit ja alle pädagogisch korrekten Eltern es hören und brüllt: „Wie sagen wir zu Gemüse? Pfui!“

Ich will Knabernossi! Und Cola! Und Eis! Und Salamipizza! Und ein Pony! Mit rosa Sattel! Und Glitzer-Tattoos! Und aufbleiben, solange ich will! Und nie wieder Zähneputzen!

Neulich beim Einkaufen war Sophie total aufgedreht. Wollte dies, wollte das, plapperte in einer Tour und turnte so wild auf dem Einkaufswagen herum, dass wir in der Süßwarenabteilung mit Karacho in einen Berg Mozartkugeln donnerten. Da reichte es mir. „Wir spielen jetzt Rollentausch“, erklärte ich.„Du bist die Tante, ich die Sophie.“ Drückte ihr meine Handtasche auf den Arm, schob sie im Zick-Zack-Kurs durch die Gänge und rief: „Ich will Knabernossi! Und Cola! Und Eis! Und Salamipizza! Und ein Pony! Mit rosa Sattel! Und Glitzer-Tattoos! Und aufbleiben, solange ich will! Und nie wieder Zähneputzen!“ Was soll ich sagen? Nachdem sich Sophie von ihrem Lachanfall erholt hatte und wir die abfälligen Blicke der Menschen um uns abgeschüttelt hatten, war sie ganz lieb und bat darum, wieder das Kind sein zu dürfen. Aber wie das so ist, hat ja alles ein Nachspiel. Wenig später in einem Bastelkurs voller ambitionierter Mütter fragte mich Sophie plötzlich: „Spielen wir später wieder Rollentausch?“ Unzählige Augenpaare ruhten auf mir. „Was spielen Sie da genau?“ fragte eine der Mütter wohlwollend. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, aber bevor ich auch nur ein Haucherl nachgedacht hatte, antwortete ich: „Ach, wissen Sie, das bedeutet nur, dass ich heute um acht Uhr schlafen gehe und Sophie aufbleibt und fünf Bier trinkt!“

Dann gingen wir ganz, ganz schnell nach Hause. Ich hatte die Befürchtung, dass Sophie die Situation schlimmer machen könnte. Denn auch wenn sie ganz genau weiß, dass es mein Job als Reinleg-Tante ist, total albern zu sein – die Mütter hätten garantiert die Kinderfürsorge angerufen, wenn Sophie breit grinsend erklärt hätte: „Ich darf doch kein Bier trinken! Meine Tante sagt immer: erst, wenn ich in die Schule gehe …“


(bisher unveröffentlicht)