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Die, in der der Orgasmus eines Schweines 30 Minuten lang dauert

Wissen Sie: Neulich las ich in einer Spaß-Mail, dass der Orgasmus eines Schweines 30 Minuten lang dauert. Seitdem habe ich die Theorie, dass eine meiner Nachbarinnen ein Schwein ist. Denn täglich von 22 bis 22.30 Uhr dringen so laute Balz-Schreie aus dem nächtlichen Innenhof durch mein Fenster, dass ich mein eigenes Sexualleben hinterfragen muss. Bin ich ein bemitleidenswertes Würstchen, weil ich im Bett nicht hysterisch kreische, als wäre Hansi Hinterseer höchstpersönlich und nackt hinter mir her? Ist die Lautstärke tatsächlich ein Beweis für guten Sex? Oder teilt meine Nachbarin ihr Bett mit einem Duracell-Adonis, der sich Viagra statt Zucker auf das morgendliche Müsli streut? Vielleicht gibt es gar eine sexuelle Vorliebe, die sich über ausdauerndes Schreien definiert, und sie brüllt gar nicht freiwillig, sondern versucht nur, ihren armen Partner zu befriedigen, der unter aktuter Schreiitis leidet? Ich weiß es nicht, ich werde auch nicht nachfragen, ich weiß nur, dass ich jede Nacht ein armes Schwein bin. Weil mich das Gekreische nervt und mein Orgasmus nicht 30 Minuten dauert.

Ich konnte mir bildlich vorstellen, wie die Abdrücke der Klaviertasten tagelang auf ihrem Hintern zu sehen sein würden.

Langsam habe die Theorie, dass ich Nachbarn mit einem allzu gesunden Sexualtrieb anziehe. Egal, wo ich wohne: Alle Nachbarn haben mehr Sex als ich. Meine letzte Wohnung lag im Erdgeschoss, über mir wohnte eine exaltierte Klavier- und Gesangslehrerin, die mich mit ihren musikalischen Einlagen beinahe täglich zum Amok-Lauf aufforderte. Entweder hörte ich stundenlang unmusikalische Kinder „Häschen in der Grube“ atonal in der Endlosschleife klimpern, oder die gute Dame schulte ihr grässliches Stimmchen, indem sie enervierende Etüden oder die chromatische Tonleiter bei gefühlten dreitausend Dezibel herauspresste.

Eines Abends, es war nach 22 Uhr, ertönte wieder mal das vertraute und verhasste Taktklopfen ihrer üblichen Klavierstunden. Erst wunderte ich mich, um welche Uhrzeit sie unterrichtete. Danach erstaunte mich, wie unglaublich schlecht der vermeintliche Schüler den Takt anschlug. Doch als ihr kreischendes Stimmchen erklang, merkte ich schlagartig, dass dieses Mal keine Etüden zu mir schallten, sondern orgiastisches Glücksgeschrei. Und ich konnte mir bildlich vorstellen, wie die Abdrücke der Klaviertasten tagelang auf ihrem Hintern zu sehen sein würden.

Während sie sich auf ihrem Klavier in den siebten Himmel ritt, ritt mich der Teufel.

Das fröhliche Klavier-Rollenspiel wiederholte sich Abend für Abend. Mittlerweile feuerte ich die gute Dame an, damit sie schneller zum Ende kam und ich in Ruhe fernsehen konnte. Doch eines Abends übermannte mich die Neugierde. Unser Haus wurde gerade renoviert, und während sie sich auf ihrem Klavier in den siebten Himmel ritt, ritt mich der Teufel und ich stieg aus dem Fenster auf das Gerüst. Kletterte klammheimlich nach oben, um einen kleinen Blick zu riskieren. Sind wir nicht alle ein bisschen Voyeur? Und dann sah ich es. Es war … nein, das verrate ich nicht, vielleicht liest die gute Dame mit und schämt sich ob ihrer sexuellen 12-Ton-Musik ein klein wenig. Nur so viel: Ich konnte niemandem etwas wegschauen, und schweinisch war es auch nicht, was ich sah. Ich ärgerte mich nur darüber, dass meine Neugierde nicht befriedigt wurde. Die Klavierlehrerin aber auch nicht. Ätsch!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 07/2008)