Getagged: Mama

Die, in der ich Mama auf Probe bin

Die, in der ich Mama auf Probe bin

Wissen Sie: Ich war ja neulich Mama auf Probe. Meine Schwester musste beruflich verreisen, also zog meine Nichte zu mir. Dazu muss man wissen, dass Sophie und ich uns gerne wie Geschwister benehmen und äußerst verhaltensflexibel sind. Wir diskutieren stundenlang über das Gesamtwerk von „Prinzessin Lillifee“, fantasieren darüber, wie cool es wäre, wenn Haare nach Ketchup schmecken würden und beenden Gespräche eigentlich immer mit „Du hast angefangen!“ – „Nein du!“ –„Nein du!“ – „Nein du!“.

Wie sagen wir zu Gemüse? Pfui!

Wenn wir alleine sind, weiß Sophie zwar, dass ich jetzt der Boss bin, sie äußert aber regelmäßig ihre Zweifel: „Du bist so klein, du kannst gar nicht erwachsen sein!“ Keine Zweifel hat sie dafür in Sachen Humor. Sie hat längst durchschaut, dass ich sie liebend gerne ärgere und weiß ganz genau, was sie ernstnehmen muss und was nicht und stellt mich deshalb immer als „liebe lustige Reinleg-Tante“ vor. Manchmal wird mir das auch zum Verhängnis. Als sie drei war, rutschte mir mal ein Spruch raus, der sich gegen den Verzehr von Gemüse richtete, und ja, sagen Sie nichts, Pädagogen würden mich dafür mit 20 Kilo Brokkoli foltern. Heute ist sie sechs – und wenn wir in einem Restaurant sitzen und ich sie augenzwinkernd frage, ob wir Gemüsestrudel essen, obwohl ich weiß, dass sie ein Schnitzel will, schüttelt sie jedes Mal kichernd den Kopf und sagt: „Aber Tanti, du hast doch gesagt …“ Dann holt sie Luft, macht eine dramatische Pause, hebt die Stimme an, damit ja alle pädagogisch korrekten Eltern es hören und brüllt: „Wie sagen wir zu Gemüse? Pfui!“

Ich will Knabernossi! Und Cola! Und Eis! Und Salamipizza! Und ein Pony! Mit rosa Sattel! Und Glitzer-Tattoos! Und aufbleiben, solange ich will! Und nie wieder Zähneputzen!

Neulich beim Einkaufen war Sophie total aufgedreht. Wollte dies, wollte das, plapperte in einer Tour und turnte so wild auf dem Einkaufswagen herum, dass wir in der Süßwarenabteilung mit Karacho in einen Berg Mozartkugeln donnerten. Da reichte es mir. „Wir spielen jetzt Rollentausch“, erklärte ich.„Du bist die Tante, ich die Sophie.“ Drückte ihr meine Handtasche auf den Arm, schob sie im Zick-Zack-Kurs durch die Gänge und rief: „Ich will Knabernossi! Und Cola! Und Eis! Und Salamipizza! Und ein Pony! Mit rosa Sattel! Und Glitzer-Tattoos! Und aufbleiben, solange ich will! Und nie wieder Zähneputzen!“ Was soll ich sagen? Nachdem sich Sophie von ihrem Lachanfall erholt hatte und wir die abfälligen Blicke der Menschen um uns abgeschüttelt hatten, war sie ganz lieb und bat darum, wieder das Kind sein zu dürfen. Aber wie das so ist, hat ja alles ein Nachspiel. Wenig später in einem Bastelkurs voller ambitionierter Mütter fragte mich Sophie plötzlich: „Spielen wir später wieder Rollentausch?“ Unzählige Augenpaare ruhten auf mir. „Was spielen Sie da genau?“ fragte eine der Mütter wohlwollend. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, aber bevor ich auch nur ein Haucherl nachgedacht hatte, antwortete ich: „Ach, wissen Sie, das bedeutet nur, dass ich heute um acht Uhr schlafen gehe und Sophie aufbleibt und fünf Bier trinkt!“

Dann gingen wir ganz, ganz schnell nach Hause. Ich hatte die Befürchtung, dass Sophie die Situation schlimmer machen könnte. Denn auch wenn sie ganz genau weiß, dass es mein Job als Reinleg-Tante ist, total albern zu sein – die Mütter hätten garantiert die Kinderfürsorge angerufen, wenn Sophie breit grinsend erklärt hätte: „Ich darf doch kein Bier trinken! Meine Tante sagt immer: erst, wenn ich in die Schule gehe …“


(bisher unveröffentlicht)