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Die, in der ich an einem Reiskorn auf meiner Schaumkrone ersticke

Wissen Sie: Jede Frau malt sich ihre Hochzeit in den buntesten Farben aus. Doch während die meisten in verzückte Schreitiraden ausbrechen, wenn es um Pferdekutschen, Blumenspaliere und Streichquartette geht, verursacht das bei mir nur akuten Brechreiz. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin vielleicht zynisch, aber nicht hochzeitsfeindlich. Möglicherweise werde ich auch eines Tages heiraten und bei der Planung an die Grenzen meines guten Geschmackes stoßen – aber Kusine Kitsch bekommt von mir keine Hochzeitseinladung. Denn zwanghafte Romantik macht mich krank.

 Ätsch, ich habe jetzt einen Mann und ihr armseligen kleinen Single-Würstchen müsst euch jetzt um den Brautstrauß prügeln!

Das fängt an bei dem Brauch, dass die Braut etwas Blaues, Altes, Gebrauchtes und Neues braucht. Wozu? Nehmen Sie mich! Wenn ich mich schon überwinde, einer Fete in Weiß beizuwohnen, dann bin ich ganz sicher blau, fühle mich alt und am nächsten Tag wie gebraucht (nur leider nicht vom heißen Tauzeugen des Bräutigams). Neu ist nur jedes Mal danach die Erkenntnis, dass ich besser zu Hause geblieben wäre, weil chronischer Kitsch und zwanghafte Romantik mich kränker machen als jede Schweinegrippe. Der Höhepunkt meiner Kitschaggression ist übrigens erreicht, wenn’s mit fröhlichen Hochzeitsbräuchen losgeht. Die begreife ich bis heute nicht. Können Sie mir erklären, warum ständig mit etwas geworfen wird? Reis, Blumenblätter, Brautstrauß. Was soll das? Kann ich nicht einfach irgendwo sitzen und gefahrlos ein Bier trinken, ohne an einem Reiskorn auf meiner Schaumkrone zu ersticken? Als ich vor ein paar Jahren genau das tun und das Brautstraußwerfen ignorieren wollte, wurde mir das Glas aus der Hand gerissen, weil die Braut und andere ledige und hochzeitsgeile Frauen mich auf die Tanzfläche brüllten. Ich weiß, sie hat es nicht so gemeint, aber aus ihren Augen lachte wörtlich der Wahnsinn: „Ätsch, ich habe jetzt einen Mann und ihr armseligen kleinen Single-Würstchen müsst euch jetzt um den Brautstrauß prügeln!“ Als sie genau auf mich zielte und das Blumenbouquet an meine linke Schulter knallte, rührte ich keine Miene und erst recht nicht meine Arme. Und als die traurigen Blümchen kläglich auf dem Boden landete und alle Single-Frauen mich so angewidert ansahen, wie ich mich fühlte, sagte ich nur: „So ein Pech, nicht gefangen!“ Doch das ist längst nicht alles. Noch schlimmer finde ich das Klischee über eine heiße Hochzeitsnacht. Wer glaubt, dass es da zur Sache geht, irrt sich gewaltig. Die frisch Vermählten sind entweder völlig ermüdet oder so besoffen, dass sie das Wort „Sex“ nicht mehr sagen können, ehe sie ins Koma fallen. Meine Schwester ist da ein gutes Beispiel. Als sie mit ihrem Ehemann in der Honeymoon Suite verschwand, wollte er sie abschminken, ehe sie ins Bett gingen. Doch weil er betrunken war und das Gesichtswasser mit dem Nagellackentferner verwechselt hatte, stöhnte sie in jener Nacht nur vor Schmerzen.

Heiraten? Irgendwann vielleicht. Aber ganz sicher ohne Kitsch und Brautstrauß werfen. Mit dem erschlage ich höchstens jeden, der Blumen streut, mit Reis wirft oder mir ein blaues Strumpfband andrehen will.


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 05/2008)

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