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Die, in der ich das Wort Hyperkortisolismus rückwärts rülpse

Wissen Sie: Als ich klein war, gab es nichts Schöneres, als krank zu sein. Den ganzen Tag auf der Couch vor dem Fernseher liegen, von meiner Mutter umsorgt werden und die „Bravo“ nicht heimlich lesen, sondern erlaubt, weil man als krankes Kind ja so bemitleidenswert ist, dass man pädagogische Grenzen sprengen kann. Doch sobald ich von zu Hause ausgezogen war und das erste Mal krank wurde, ohne dass sich jemand darum scherte, ob ich genug trinke und die „Bravo“ neben dem Bett liegen habe, wurde ich zwanghaft gesund. Wer sich selbst mal gleichzeitig Essigpatscherln an Händen und Füßen verpasst hat, weiß: Es macht keinen Spaß, in seinem eigenen Salat zu schmoren und in saurer Bettwäsche aufzuwachen. Seitdem bin ich chronisch gesund. Fantasien darüber, einen Tag lang wegen Kopfschmerzen im Bett liegen zu bleiben, habe ich selten. Das ist mein Alltag (schließlich bin ich freie Autorin).

 Wo ist die Pubertät, wenn man sie braucht?

Dafür traf es mich mit voller Wucht, als ich das erste Mal einen kranken Mann erlebte. Und wünsche mich postwendend in die Zeit zurück, in der Jungs doof, New Kids on the Block noch nicht aufgelöst und Schulterpolster so was von hip waren. Wo ist die Pubertät, wenn man sie braucht? Mein damaliger Freund P. war durchaus erwachsen, stand seinen Mann im Beruf, war eloquent, belesen, politisch engagiert. Aber wenn er sich einredete, krank zu werden, verpuffte jedes Grad seines Niveaus im eingebildeten Fieberwahn. Ein bisschen Halsweh? „Es war schön mit dir“, sagte er mit bebender Stimme, „aber es geht zu Ende mit mir.“ Ein bisschen Fieber? „Ich hab die Vogelgrippe“, flüsterte er pathetisch seufzend, „ich muss sterben“. Besonders unterhaltsam wurde es, wenn er versuchte, mit seiner Deppen-Logik seine angebliche Anamnese schlüssig zu reden. „Ich weiß, ich hab jetzt erst eine triefende Nase. Aber das kann schlimmer werden! Und dann rebelliert meine Lunge! Mein Herz! Meine Nieren! In drei Stunden könnte ich schon an einer Lungenentzündung gestorben sein!“ Dazu gab’s dann immer die übliche Show. Röcheln, rotzen, rumjammern – und ein Blick in meine Richtung á la „Du machst es wieder gut.“ Hallo? Wer bin ich denn? Zürich Kosmos?

Eines Tages konnte ich mich rächen. Ich hatte (unvorgetäuschte) Kopfschmerzen und sagte: „Schatz, mein Kopf tut weh – lass uns das vertagen“. Woraufhin er mir erklärte, es wäre wissenschaftlich erwiesen, dass Sex bei Kopfschmerzen die beste Medizin sei. Da konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen: „Schatz, jetzt sind es nur Kopfschmerzen, aber was ist, wenn es nach dem Sex ein Gehirntumor ist?“

Seitdem möchte ich werden wie meine Freundin S. Sie ist eine so starke Persönlichkeit, dass jeder Hypochonder in ihrer Nähe freiwillig pumperlgesund sein möchte. Über Männer, die permanent leiden, macht sie sich lustig, so auch vor einer Weile über einen Bekannten, der mehr Zeit seines Lebens in eingebildete Krankheiten investiert, als ich je benötigen würde, um das Wort Hyperkortisolismus rückwärts zu rülpsen. Eines Tages erfuhr sie, dass dieser Kerl gestorben war. Und sprach mir aus der Seele, als sie spontan rausplatze: „Jetzt übertreibt er aber!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 12/2008)

Die, in der ich nur knapp eine Meningitis überlebe

Wissen Sie: Ich hasse ja Ärzte. Solange mich kein Bus überfährt und meine Extremitäten auf einer Bahre neben mir abtransportiert werden oder mir Roy Black im transpirierenden Fieberwahn erscheint und „Ganz in Schweiß“ vorsingt, kriegt mich keiner zum Arzt. Diese Antipathie hatte ich schon als Kind, und mein erster Feind in der Schule war unser Schularzt. Acht Jahre lang habe ich deshalb im Gymnasium jedes Semester denselben Witz gebracht. Auf die Frage „Irgendwelche Allergien?“ konterte ich stets altklug mit „Ja, gegen Schulärzte“, haute mir glucksend auf die entblößten, frisch untersuchten Schenkel und kicherte haltlos, bis ich aus dem Untersuchungszimmer flog. Unnötig zu erwähnen, dass der Herr Doktor Schularzt keinen Humor hatte und in mein ärztliches Führungszeugnis alljährlich „schwer untersuchbar“ schrieb.

‚So, und jetzt ziehen wir unseren Oberkörper aus!‘

Und das bin ich bis heute. Ich habe einfach ein schlechtes Ärzte-Karma und gerate deshalb stets an die ausgesucht dümmsten Mediziner dieser Welt, die offenbar auf Hippokrates geschworen haben, mit besonders dämlichen Methoden zu heilen. Mittlerweile habe ich eine medizinischen Black List mit all jenen Wapplern, die nicht mehr an meine Krankheiten dürfen. Eine Allgemeinärztin brachte mich mal mit ihrer grenzdebilen Sprache um den Verstand. Als sie mich aufforderte „So, und jetzt ziehen wir unseren Oberkörper aus!“, torpedierte ich den Rest der Untersuchung, weil ich sie bat, mir erstmal zu zeigen, wie man das macht. Oder aber jener Arzt, der mich retten sollte, weil die Schmerzen einer Rippenfellentzündung mich wahnsinnig machten. „Ich greif Ihnen jetzt in die Weichteile“, sagte der Arzt, woraufhin ich wütend schrie: „Wollen Sie sagen, ich bin fett?“ Okay, ich gebe zu, das war ziemlich dumm, was ich jedoch erst merkte, als mir Wikipedia verriet, was genau Weichteile sind und dass der Arzt nicht meine Figur kritisieren, sondern die Stelle für die Spritze suchen wollte. Legendär auch die Komplementärmedizinerin, zu der ich ging, weil ich meine chronischen Bronchitis nicht schon wieder mit Antibiotika kurieren, sondern eine alternative Heilung versuchen wollte. Sie empfing mich mit Panflöten-Gedudel und Patchouli-Gestank und fragte mich nicht nach meinen Beschwerden, sondern nach meinem Privatleben unterhalb der Gürtellinie. Sie sprach ein bisschen undeutlich, hatte erweiterte Pupillen und schien bei meinen Antworten stets ein bisschen wegzudösen. Die Globoli, die sie mir für meine keuchenden Bronchien verschrieb, schluckte ich erst gar nicht, was sich nachträglich sogar als richtig herausstellte. Wenige Wochen später las ich nämlich in der Zeitung, dass sie ihre Praxis verlegt hatte. In die psychiatrische Abteilung einer Klinik – allerdings als Patientin.

Übertragenes Münchhausensyndrom? Glasknochenkrankheit? Amyotrophen Lateralsklerose? Ich bin ein medizinisches Nachschlagewerk auf zwei Beinen.

Bei meinem Talent für Deppen-Doktoren laufe ich seither lieber an jeder Arztpraxis vorbei. Wenn ich mal krank bin, dann kuriere ich mich selbst, basta! Und ich hab keinen Grund zu jammern, ich bin meist pumperlg’sund und leide wenn, dann nur an Lappalien, die ich mit Aspirin, Essigpatscherln und einer Mütze Schlaf heilen kann. Aber dennoch habe ich ein Problem: So sehr ich Ärzte verabscheue, so sehr lasse ich mich von Krankheiten fesseln. Ich gucke nicht nur manisch jede Krankenhausserie, die es gibt, ich recherchiere auch jede gespielte TV-Krankheit akribisch nach. Übertragenes Münchhausensyndrom? Glasknochenkrankheit? Amyotrophen Lateralsklerose? Ich kenne sie alle und bin ein medizinisches Nachschlagewerk auf zwei Beinen. Diese Faszination hat aber leider eine Nebenwirkung: Ich recherchiere seither auch nach meinen kleinen Zipperlein. Zwar bin ich kein Hypochonder, aber dennoch: Drückt mich irgendwo der Schuh, dann bitte ich Google nach einer Diagnose – und glaube sie leider auch. Leute wie mich nennt man Cyberchonder, und die leiden laut Zeitschrift „Spiegel“ an einer gewissen hypochondrischen Neigung und einem Internetanschluss mit Flatrate. Okay, bei mir trifft das nur mit dem Internetanschluss zu, aber ich gestehe: Ich bin mittlerweile so was wie ein promivierter Cyberchonder und lerne immer mehr über die Unzulänglichkeiten meines Körpers.

War ich etwa ein medizinisches Wunder und würde in die Annalen eingehen als älteste Neurodermitis-Erkrankte?

Neulich hatte ich rasende Kopfschmerzen. Dass ich am Vorabend ein Bier zu viel getrunken hatte, wollte ich nicht zugeben, also fragte ich Doktor Google, was mir fehlt. Die ersten Treffer waren denkbar fad. Spannungskopfschmerzen? Wetterfühligkeit? Zu einfach, das wollte ich nicht haben. Und siehe da: Kopfschmerzen können auch von einer Meningitis herrühren! Sofort spielte sich in meinem Kopf ein Film ab. Wann bin ich das letzte Mal im Wald gewesen, wie lange ist meine letzte Zeckenimpfung her und leide ich vielleicht auch an Nackensteifigkeit, Verwirrtheit, Übelkeit, Bewusstseinsminderung und Überempfindlichkeit gegen Licht? Dann erfolgte ein leichtes Aufatmen, weil nichts davon zutraf, und kurz darauf war ich wieder bumsfidel und froh, die Meningitis überlebt zu haben. Bis zum nächsten Mal. Neulich hatte ich einen Juckreiz am Bauch. Ganz banal, aber dennoch lästig, also konnte ich wieder nicht anders und googelte mich kränker als ich war. Da ich ja schon ein gewisses Grundwissen als autodidaktischer Mediziner habe und Diagnostik mir offenbar im Blut liegt, suchte ich nach den Krankheiten, die ich mir spontan diagnostiziert hatte: Herpes Zoster und Neurodermitis. Gut, die Gürtelrose konnte ich rasch ausschließen, aber die Neurodermitis machte mir doch ein bisserl Sorgen. Die Symptome konnte ich mir locker andichten, nur irritierte mich, dass die Krankheit im Kinder- und Jugendalter auftritt – und dem bin ich ja doch schon ein paar Jährchen entwachsen. War ich etwa ein medizinisches Wunder und würde in die Annalen eingehen als älteste Neurodermitis-Erkrankte? Kopfschüttelnd und leicht ängstlich gab ich dann die Schlagworte „Juckreiz Bauch“ bei Google ein – und fiel beinahe vom Sessel. Denn der erste Treffer schickte mich zu „Symptome bei Leberkrankheiten“. Google, wir haben ein Problem! Wieder sah ich mein letztes Stündlein geschlagen. Fettleber, Leberzirrhose, Leberversagen, es war schrecklich und ich überlegte intensiv, wer von meinen Verwandten mir wohl ein Stück seiner Leber spenden würde. Erst, als ich abends meine brandneue Strumpfhose auszog und das Jucken schlagartig aufhörte, diagnostizierte ich mir verschämt eine stinklangweilige Allergie gegen Polyester und schwor mir, ab sofort mit der Cyberchondrie aufzuhören.

Daran halte ich mich seither ganz tapfer. Während ich das tippe, habe ich trockene Haut, raue Lippen und fühle ein leichtes Unwohlsein, aber schwöre, ich frage Doktor Google nicht, unter welcher unheilbaren Autoimmunerkrankung ich leide. Ich schwöre!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 01/2012)