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Die, in der der Herr Christoph vorkommt

Die, in der der Herr Christoph vorkommt

Wissen Sie: Es ist vielleicht in, dass sich eine Frau für jede Situation einen Mann nimmt (einen zum Reden, einen fürs Bett, einen fürs Bankkonto, einen für Reparaturen), aber ich gehöre zur altmodischen Spezies und warte auf den einen, der alles abdeckt. Doch solange der nicht auftaucht – solange nehme ich den Herrn Christoph.

Der Herr Christoph kommt aus Polen und ist Handwerker. Ob er das professionell gelernt hat oder bloß pfuscht, seit er geschlechtsreif ist, kann ich nicht sagen, nur: Er kann einfach alles. Und das offenbar so gut, dass meine Vermieterin ihm Zugang zu ihrem Bett und ihrem Herzen gewährt hat. Dabei könnten sie gegensätzlicher nicht sein: Während er aus einfachen Verhältnissen stammt, Fußball für Hochkultur hält und um die 50 ist, ist sie ausgesucht vornehm, besitzt ein großes Wohnhaus und geht auf die 70 zu. Gerüchten zufolge lernten sie sich kennen, als Sanierungsarbeiten im Hause notwendig waren. Herr Christoph kam nach Wien, legte los – und ward in Polen nie mehr gesehen. Wenn Nachbarn ihn morgens aus ihrer Wohnung kommen sahen, redete sie sich stets auf Renovierungsarbeiten heraus und schämte sich jahrelang dafür, dass sie ihr Herz an einen Handwerker verloren hatte. Und dennoch: Irgendwann stand sie zu ihrer Liebe.

‚Liebelein, sicher ist hier und da Fleck, aber wir gehen zu Baumarkt und nicht zu Bundespräsident!‘

Seither ist der Herr Christoph die gute Seele bei uns im Haus. Sein österreichisch-polnischer Charme und seine Wortgefechte mit meiner Vermieterin amüsieren mich jedes Mal aufs Neue. Als wir mal zusammen zum Baumarkt fahren wollten, meckerte sie über sein Gewand: zu schlampig, zu schmutzig, das kennt man ja. „Aber Liebelein, sicher ist hier und da Fleck, aber wir gehen zu Baumarkt und nicht zu Bundespräsident“, nahm er ihr den Wind aus den Segeln. Oder als er beschloss, sich einen Bart wachsen zu lassen. Sie regte sich fürchterlich auf. Doch wieder hatte der Herr Christoph Argumente. „Liebelein, ich lass wachsen, solang kann. Bin ich alt und grau, dann bist du traurig, wenn dich nimmer kitzelt meine Haar!“

‚Samma ehrlich, Post is depperter als Stroh!‘

Der Herr Christoph ist das i-Tüpfelchen auf meinem Mietvertrag. Während meine Vermieterin respektvoll „Frau Kreulitsch“ zu mir sagt, duzt er mich und sagt abwechselnd „schene Frau Jasemin“, „meine schene Mädchen“ oder „meine Jasemin, die is schener als wie Polizei erlaubt“ und küsst mir bei jedem Treffen die Hand. Neulich traf ich ihn, als er unsere neuen, EU-genormten Briefkästen montierte. Er erklärt mir, wie er die Namen der einzelnen Mietparteien angebracht hatte. Deutet auf meinen Namen und sagte: „Ich wollt schreiben ‚mein schenes Jasmin‘ statt ‚Kreulitsch‘. Aber is a bled, kommt Post nicht an.“ Danach folgte eine Schmährede auf unseren Briefträger. „Samma ehrlich, Post is depperter als Stroh!“ Denn die neuen Briefkästen haben einen zu breiten Schlitz, so der Herr Christoph, und er demonstrierte mir gleich, dass er die Post rausfischen kann. „Und ich hab harte, dicke Männerhand. Kann auch zärtlich sein, aber: kann auch Post fladern!“ Diese Wuchteln haut er immer mit stoischer Miene raus, während er eine Wand verspachtelt oder mir die Einkaufssackerln nach oben trägt. Neulich trafen wir uns in der Früh. Er stand auf einer Leiter, schraubte an einer Lampe und sagte: „Guten Morgen, meine schene Mädchen, gut geschlafen?“ Ich bejahte. „Alleine?“ Wieder nickte ich. Herr Christoph kratzte seinen Bart. „Brav. Aber a bled. Und wo war ich?“

Sie haben die perfekte Wohnung oder den perfekten Mann für mich? Nein danke, ich habe ja den Herrn Christoph.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 11/2012)