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Die, in der meine Mutter „Verpiss dich“ auf siebzehneinhalb Sprachen sagen kann

Wissen Sie: Auf Kos fing alles an. Da verbrachte ich vor einigen Jahren spontan im September eine Woche Urlaub mit meinen Eltern und stellte fest: Es war der beste Urlaub meines Lebens. Das liegt vermutlich daran, dass wir dieselbe Vorstellung von Ferien haben (schlafen, sonnen, saufen), daher sind wir seitdem mehrfach miteinander weggefahren und haben einige denkwürdige Wochen miteinander verbracht.

Meine Mutter ist nicht umsonst promovierte Sprachwissenschaftlerin und kann „Verpiss dich“ auf siebzehneinhalb Sprachen sagen.

Für Ihr Verständnis: Urlaub mit meinen Eltern bedeutet: Nach ein paar Tagen wäre es taktisch klug, das Hotel zu wechseln. Nach einer Woche das Land. Und nach zwei Wochen den Kontinent. Zu dritt im Urlaub sind wir eine Love Parade auf sechs Beinen: laut, lustig und außer Kontrolle – und nur ein Mal im Jahr auszuhalten. Dazu kommt: Wir sind ein eingespieltes Team und urlauben bereits ab dem ersten Tag nach einem eingespielten Rhythmus: Frühstücken, am Strand liegen, schlafen, Mittagessen, am Strand liegen, schlafen, Abendessen, am Strand trinken, umfallen, schlafen. Dazu hat jeder noch eine Zusatzfunktion. Ich verhalte mich – der Rolle des Kindes in der Familie entsprechend – kindisch, brülle minütlich „Wer spielt mit mir, räbäääh?“ und vergrabe mehrfach täglich die Schlapfen meiner Mutter im Sand, was vor allem dann lustig ist, wenn sie auf die Toilette muss und wie ein Duracell-Häschchen panisch am Strand auf und ab hüpft und sich entscheiden muss, was das geringere Übel ist: griechischer Fußpilz und öffentliches Einnässen. Mein Vater kümmert sich währenddessen um unser leibliches Wohl und reicht mehrmals täglich kleine Snacks an unsere Strandliegen (in Wahrheit sind es kleine Biere). Die Aufgabe meiner Mutter indes ist die multikulturelle Kommunikation mit anderen Hotelgästen und Animateuren. Sie ist nicht umsonst promovierte Sprachwissenschaftlerin und kann „Verpiss dich“ auf siebzehneinhalb Sprachen sagen, was besonders nützlich ist, wenn uns wieder mal jemand zu geselligem Nackt-Bingo, Senioren-Wet-T-Shirt-Contests, Schischa-Kampfrauchen, Yoga für Legastheniker oder einem Henna-Tattoo auf dem Hintern überreden will. Unser einziger Sport besteht darin, uns regelmäßig auf unseren Strandbetten umzudrehen, um Wundliegen vorzubeugen, und den Finger zu heben, damit der Poolboy das nächste Bier bringt.

‚You are the best man in Austria! Du wieder komme, Mister Ouzo!‘

Aber abgesehen davon sind wir aktiver, als man denkt. Tagsüber turnen wir stundenlang auf einer Luftmatratze im Meer, imitieren Tragflügelboote und andere schwimmende Objekte, kreischen und kichern bei jeder hohen Welle wie grenzdebile Vorschulkinder und veranstalten so ein Rambazamba, dass die Teilnehmer der Aqua-Fitness-Gruppe zu uns wechseln wollen, weil unsere Animation einfach besser ist als die der Hotelangestellten. Abends an der Bar zeigen wir uns dann ebenso sportlich und starten den Wettkampf, wer am schnellsten betrunken ist. Doch so sehr ich mich auch bemühe – meist gewinnt mein Vater. Der kann nämlich Ouzo trinken, bis er ihm aus den Ohren rauskommt, und hat außerdem den Barchef geschmiert, sodass sein Glas nie leer wird und ich mehrfach täglich von fremden Menschen ehrfürchtig gefragt werde: „Where is Ouzo-Kurt?“ Bei unserer Abreise haben die Kellner dann meist Tränen in den Augen und rufen ihm traurig zu: „You are the best man in Austria! Du wieder komme, Mister Ouzo!“

Macht er – demnächst geht’s an die türkische Riviera. Falls Sie also auch da sind und sich über eine johlende Menschentraube an der Bar wundern – irgendwo in der Mitte steht mein Vater. Natürlich mit einem Ouzo in der Hand. Jamas!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 09/2010)

Die, in der die Liebe hinfällt

Wissen Sie: Der V. war neulich kurzfristig verliebt. Aber so richtig. Mit Herzchen in den Augen, die ihm so die Sicht verklärten, dass er voller post-pubertärer Phantasien und irrationaler Zukunftspläne einer gewissen Frau quasi blind einen Heiligenschein aufsetzte, obwohl er sie noch gar nicht mal nackt gesehen hatte. Abgekürzt heißt das: Der V. war sich sicher, seine Traumfrau gefunden zu haben, mit der er spätestens übermorgen einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und ein Kind zeugen wollte.

Der Rest des Lebens kann gar nicht schnell genug anfangen, wenn man verliebt ist!

Der V. und ich saßen also bei unserem Stammtisch beim ersten Bier und er schwärmte mir von besagter Traumfrau vor. Er hatte sie eine Woche zuvor auf einer Geburtstagsparty kennen gelernt und ein paar Stunden mit ihr geredet. Und im Laufe dieses Abends entschieden: Die oder keine! „Sie ist total humorvoll, hat eine angenehme Stimme, ist dunkelhaarig, zierlich und eher der natürliche Typ. Und obwohl wir beide genug getrunken hatten, hab ich mir alles von ihr gemerkt“, erzählte er. Ich fragte: „Und wie heißt sie?“ Er antwortete: „Keine Ahnung.“ Also bestellten wir das zweite Bier und beschlossen, dass Namen in einer Beziehung wirklich keine große Rolle spielen, viel wichtiger ist doch der gemeinsame Lebensraum. Den wollte der V. ihr zuliebe gleich nach Kärnten verlegen, obwohl sie in Wien sicher leichter einen neuen Job finden würde, aber aus Liebe geht man ja dahin, wo der andere ist, also hatte der V. in den letzten Tagen bereits über die Kündigung seiner Wohnung nachgedacht, tick tack, Sie wissen schon: Der Rest des Lebens kann gar nicht schnell genug anfangen, wenn man verliebt ist!

Erster Kuss, erster Geschlechtsverkehr, erster Antrag.

Beim dritten Bier kamen wir dann drauf, dass es doch eine Sache gibt, bei der das Wissen um ihren Vornamen ganz praktisch gewesen wäre. Nämlich als der V. schon leicht bierselig in seine Schaumkrone grinste und mich fragte: „Was meinst du – soll ich ihr morgen einen Verlobungsring mitbringen?“ Am nächsten Tag sollte er besagte Traumfrau nämlich treffen, und da wollte er dann ihre Beziehung vorantreiben, tick tack, und gleich alles auf einmal erledigen: erster Kuss, erster Geschlechtsverkehr, erster Antrag – und zwischendurch vielleicht nach ihrem Vornamen fragen. Bis dahin hatte er aber eine Idee. „Ich gravier einfach ‚Ich & du’ und ‚Du & ich’ in die Ringe“, schlug er freudig vor und genehmigte sich noch einen Schluck. Wer achtet schon auf so kleine Details, wenn man noch das ganze Leben miteinander vor sich hat? Als wir das vierte Bier bestellten, hatte der V. einen super Plan geschmiedet, wie er das Fehlen des Vornamens seiner zukünftigen Ehefrau kaschieren könnte. „Weißt du was?“, schlug er sinnierend vor, „Ich nenne sie einfach gleich Mutti. Wenn wir uns morgen eh verloben, ist sie übermorgen schwanger und im Jänner – tick tack – haben wir drei Kinder, dann nennt sie mich sicher nur mehr Vati und es fällt nicht auf, dass ich ihren Namen nicht weiß!“ Ich nickte nur noch in mein fünftes Bier und malte mir mein Kleid als Brautjungfer für den V. aus, während er überlegte, in welche Schule er seine drei Kinder stecken sollte – mit der Planung der Ausbildung des Nachwuchses kann man ja nicht früh genug beginnen, tick tack, sonst wird aus den kleinen Rackern ja nichts …

Am Tag nach dem Date rief mich der V. übrigens nicht an, um mich zu seiner Hochzeit einzuladen, sondern zu unserem nächsten Stammtisch, bei dem wir die Tatsache wegtrinken wollten, dass er die Verlobung gelöst hatte, ehe er sie um ihre Hand gebeten hatte. Ja ja, wenn die Liebe hinfällt … Aber ihren Namen, den wissen wir jetzt wenigstens.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 12/2012)