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Die, in der ich mich zu Weihnachten wie Kunstrasen fühle

Wissen Sie: Der geneigte Leser dieser Kolumne, der meine Macken schon kennt, würde vermuten, dass ich ein chronischer Weihnachtshasser bin. Aber nein, so ist es nicht. Es gibt durchaus Momente, wo ich mich dem Wahn beuge. Sie wissen schon: mir die Speiseröhre verbrennen beim Glühwein-Komasaufen, mich als Rentier verkleiden oder in öffentlichen Verkehrsmitteln so penetrant „Last Christmas“ summen, dass ich Lokalverbot kriege. Und trotzdem: Je älter ich werde, desto mehr sträube ich mich gegen massentaugliche Events und den nahenden weihnachtlichen Overkill. Ein Protokoll dessen, was mich am 24. Dezember erwarten könnte:

11 Uhr: Ich wachte verkatert auf. Am Vorabend in Klagenfurt angekommen und bierselig Wiedersehen gefeiert. Ich fühle mich wie Kunstrasen.

13 Uhr: Wir essen etwas Leichtes zu Mittag, damit abends richtig was reinpasst. Als meine Mutter mich fragt, ob ich ein Bier will, zieht sich meine Leber zwar weinerlich zusammen, aber ich zögere nicht. Scheiß der Hund drauf.

15 Uhr: Wir langweilen uns, weil der Baum geschmückt und fürs Raclette alles geschnippelt ist. Mein Vater schlägt vor, einen Haselnussbrand zu trinken. Nüsse sind ja gut fürs Gehirn.

16 Uhr: Wir warten auf den Rest der Familie. Meine Mutter fragt nicht mehr, ob ich ein Bier will, sie stellt es einfach hin. Nur Haselnussbrand wäre ja doch etwas eintönig.

17 Uhr: Meine Oma kommt und sagt mir nicht, wie groß ich geworden bin, sondern dass ich zugenommen habe. Aus Rache schenke ich ihr ein Stamperl Gurktaler-Schnaps ein. Und trinke mit – gerade zu Weihnachten sollte man ja auf seine Manieren achten.

18 Uhr: Wir essen Raclette wie die Wahnsinnigen. Mein Magen fühlt sich an, als hätte ich zehn Quadratmeter Kunstrasen verspeist. Und ja, obwohl ich kein Weintrinker bin, nehme ich ein Schlückchen Rotwein. Passt schließlich farblich perfekt zu meinem Nagellack.

19 Uhr: Wir singen Weihnachtslieder. Es klingt nach Tierquälerei.

19:30: Weil meine Nichte „Stille Nacht“ nicht mag, stimmen wir ihr zuliebe „Pippi Langstrumpf an“. Mir ist irgendwie mehr nach „Highway To Hell“ von AC/DC.

20 Uhr: Meine Nichte packt Geschenke aus. Ich empfinde Eifersucht, als ich einige Hello Kitty-Spielsachen entdecke, und beginne mit der 3-Jährigen eine Diskussion darüber, dass es für ihre soziale Kompetenz wichtig ist, dass sie lernt zu teilen. Das Kind bricht in Tränen aus.

20:30 Uhr: Die Tränen sind getrocknet, jetzt mal ein Haselnussbrand. Die anderen trinken auf den Weltfrieden, ich auf Hello Kitty.

21 Uhr: Mein Vater schwankt in den Keller, um die zweite Kiste Bier nach oben zu tragen. Hoppla, er bringt auch eine Flasche Schnaps mit.

21. 30 Uhr: Meine Oma möchte nach Hause und wir stellen fest, dass nur meine Nichte 0 Promille hat. Ich bin dafür, dass man 2010 schon mit drei Jahren den Führerschein machen kann und hole eine Runde Bier.

22 Uhr: Noch ’ne Nuss büdde. Und hey, ’n Bier dazu. Ich habe die Befürchtung, das hier wird noch richtig weh tun. Bis einer weint. Dann fange ich eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Kunstrasen an.

23 Uhr: Mein Vater intoniert lautstark „Blau, blau, blau ist die Haselnuss“. Ich möchte endlich von ihm wissen, was er von Kunstrasen hält, doch er kann nicht antworten, er trinkt gerade ein Schnäpschen.

0:00 Uhr: Ich stehe auf dem Balkon und schaue auf St. Martin. Ob das da draußen alles Kunstrasen ist, und wenn ja: Wer mäht ihn? Ja ja, es wird schon glei’ dümmer.

1:00: Besinnungslose Weihnachten. Wir fallen um.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 12/2009)

P.S.: Weil ich schon 2009 nach Erscheinen dieser Kolumne mehrfach gefragt wurde, was es denn mit dem Kunstrasen auf sich hat, kaufe ich ein J und möchte an dieser Stelle lösen: Inspiriert dazu hat mich Jürgen von der Lippe mit diesem Programm. Über das ich heute noch grenzdebil lache, nebenbei bemerkt.

Die, in der ich vier Wochen vegan lebe und wie ein Schwein leide (obwohl das die vegane Ethik gar nicht erlaubt)

Wissen Sie: Ich bin ja ein Fleischfresser. Egal ob Steak, Schnitzel oder Schweinsbraten – für mich besteht eine Mahlzeit aus Fleisch, egal was meine Cholesterinwerte oder militante Tierschützer dazu sagen. Simmer uns ehrlich: Warum soll man Tiere nicht essen, wenn sie aus Fleisch sind? Doch neulich musste ich an meine Grenzen gehen. Für einen Artikel lebte ich vegan – allerdings nicht nur für eine Mahlzeit, sondern für vier Wochen. Und das war ein Armaggedon für meinen Magen.


Ich litt wie ein Schwein, obwohl das sicher auch nicht der veganen Ethik entsprach.

Dazu muss man wissen: Veganer verzichten nicht nur auf Fleisch, sondern auf alle tierischen Produkte: keine Eier (die armen Henderln!), keine Milchprodukte (die armen Kühe!), kein Honig (die armen Bienen!). Denn wo Veganer draufsteht, ist „vegane Ethik“ drin. Und die schreibt vor: Man lehnt nicht nur jegliche tierische Produkte ab, man nimmt auch nichts zu sich, das während der Herstellung damit in Berührung gekommen sein könnte. Das ist das Kleingedruckte beim Veganismus. Beispiel gefällig? Semmeln oder Brot sind potentiell vegan. Aber weil sie auf Blechen gebacken werden, die mit tierischen Fetten eingefettet sein könnten, sind sie nicht vegan. Genauso wird man wegen Gelatine beschissen. Da die aus dem Bindegewebe von Pferden stammt, sind die meisten Süßigkeiten, Limonaden und Säfte, Senf und Ketchup, Essig oder Wein tabu. Gelatine kommt häufiger in Lebensmittel vor als man „Armes Pferderl!“ sagen kann! Ergo litt ich wie ein Schwein, obwohl das sicher auch nicht der veganen Ethik entsprach. Doch nicht nur ich war betroffen – auch meine WG in Berlin hatte an dem Projekt zu knabbern. Während die S. begeistert war und sich dem Veganismus anschloss, protestierte der R. auf seine Art: Er vertilgte mehrmals täglich aus Trotz Berge von Fleisch und hängte auf seine Zimmertür ein Schild mit dem Wort „Schnitzelfresser“ in großen, wütenden Lettern.

Gepresste Getreidenscheiße mit Zwiebeln drauf oder so

Auch mein Freund M. fand das Projekt total bescheuert, vor allem, wenn ich ihm von meinen Erlebnissen in veganen Lokalen berichtete. Einmal aß ich einen veganen Zwiebelrostbraten. Der M. rechte sich fürchterlich auf. „Warum nennen die das Zwiebelrostbraten? Das ist doch Beschiss!“, wütete er. „Wie sollen sie es denn sonst nennen?“ fragte ich. „Na, gepresste Getreidenscheiße mit Zwiebeln drauf oder so“, wetterte er weiter gegen jeglichen Fleischersatz in Form von Tofu, Soja oder Seitan. Ich muss gestehen, ich verstand seine Haltung: So viel ich mit diesen Produkten herumexperimentierte, so wenig schmeckte mit das Ergebnis: Ich mag einfach nichts essen, das bei der Vorbereitung schon so aussieht, als hätte es schon mal jemand verdaut. Dazu kam das Klientel mancher Veganer, mit denen ich zu tun hatte. Obwohl ich echt tolerant bin, machte mich der ein oder andere militante Pflanzenfresser wahnsinnig und entsprach leider dem Klischee, wie man es kennt: Sie erschienen oft in Ganzkörper-Jute, hatten Dreadlocks, futterten verzückt gedünstete Mangoldblätter und spielten auf der Gitarre „Amazing Grace“.

Glauben Sie mir, ich sang in diesen vier Wochen auch sehr oft. Allerdings „Amazing Graus“. Bis ich lernte, dass Bier dank Reinheitsgebot vegan ist. Dann stellte ich meine Ernährung um und wich auf gekühlten Hopfen anstatt gedünstetem Mangold aus.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 04/2012)