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Die, in der ich in 28 Tagen 34 Stunden Sport mache und sterbe

Wissen Sie: Neulich spielte sich in der Redaktionskonferenz der Zeitschrift „miss“ Ungeheuerliches ab. Chefredakteurin J. warf in die Runde: „Wir brauchen noch ein Sportthema. Irgendwas Neues, irgendwas Lustiges?“ Allgemeine Stille. J. sah mich an. „Jasmin? Idee?“ Ich winkte ab: „Vergiss es, das sportlichste an mir ist mein Eisprung.“ J. reagierte freudig: „Das ist es! Eine Geschichte über jemanden, der Sport hasst!“ Ich antwortete Böses ahnend: „Ähm, ja, aber so war das nicht gemeint …“ Erneut J. mit diabolischem Grinsen: „Sowas wie: Von einer, die auszog, Fitness zu lernen.“ Ich spürte leichte Panik in mir aufsteigen. „Das ist super. Du kriegst einen Personal Trainer und testest, wie es ist, als unsportlichster Mensch der Welt Fitness zu lernen!“ Jetzt war ich richtig panisch: „DA HAB ICH KEINE ZEIT!“ Doch keine Chance. „Alles klar, du machst es“, sagte J. mit fiesem Glitzern in den Augen: „Auch mit Ernährungstipps. Ich wette, du darfst vier Wochen lang keinen Alkohol trinken.“ Mitleidsvolles Aufstöhnen von allen. Jetzt war ich richtig, richtig panisch: „Vier WOCHEN? Ich schaffe doch nicht mal vier STUNDEN!“

Humor? Der hatte zwischen all dem Testosteron keinen Platz!

Soweit das Vorspiel. Der eigentliche Akt spielte sich dann vier Wochen lang in der Hölle ab. In Zahlen: Ich habe 34 Stunden Sport in 28 Tagen gemacht. Betreut von meinem Personal Trainer, den ich liebevoll Zerberus nannte, denn er war ein echter Hundling. Er fiel in die Kategorie jung, knackig, fesch – und ausgesucht dumm. Ich habe das Gefühl, dass sich sein Hirn proportional zu seinen Muskeln verhält – wo Muskelmasse wächst, schrumpft Hirnmasse. Und Humor? Vergessen Sie’s, der hatte zwischen all dem Testosteron keinen Platz. Meine selbst erfundenen Sportlerwitze (in denen alle Sportler kleine Penisse hatten) fand er gar nicht lustig. Ich habe den Verdacht, dass er deshalb umso gemeiner zu mir war. Eine Stunde Personal Training entwickelte sich zu 60 Minuten Personal Horror. In den Tagen nach einer Stunde mit ihm wimmerte ich rund um die Uhr leise vor mich hin. Sogar nachts wurde ich wach, wenn ich mich umdrehte, weil es einfach zu schmerzhaft war. Mein aktives Sprachzentrum schrumpfte, je mehr Sport ich machte und beschränkte sich aufs Wesentliche: „Aua!“, „Aaaah!“ und „Verdammte Scheiße, tut das weh!“

‚Ein! Kleines! Bier!‘

Dazu kam der psychische Druck, den Zerberus auf mich ausübte. „Kein Fett, wenig Kohlehydrate, kein Alkohol!“ befahl er mir. Und obwohl ich gerade nicht versuchte, meine Beine im rechten Winkel hinter meinen Ohren zu verknoten oder mit zehntausend Therabändern zugeschnürt gegrätscht durch den Gymnastiksaal zu hoppeln, wurde mir schwarz vor Augen. „Aber es gibt Ausnahmetage?“ fragte ich und zwinkerte ihm verschwörerisch zu, „wo ich Bier trinken darf, gell?“ Er räusperte sich leise. „Einmal die Woche, okay? Fünf große, nein, sagen wir lieber gleich acht!“ Kumpelhaft schlug ich ihm auf die Schulter und wartete auf ein verständnisvolles Nicken. Doch seine Miene blieb undurchdringlich, nur in seinen Augen meinte ich, einen Hauch Abscheu zu erkennen. „Ein Ausnahmetag“, fing er an. Ich nickte freudig. Hatte ich’s doch gewusst! „Im Monat!“ fügte er an. „Und dann darfst du ein kleines Bier trinken“. Mir blieb die Spucke weg. „Ein! Kleines! Bier!“ wiederholte ich geschockt. „Ja sind wir im Kindergarten oder im Fitnessstudio? Das würde ich meiner Nichte zum Frühstück anbieten – und die ist erst vier!“ Doch auch an dieser Stelle fand er meinen Humor fragwürdig. „Trinkst halt Wasser“, schlug er genervt vor. „Pah!“ schnaubte ich. „Wasser? Ja will ich mich waschen?“

Ich hab tatsächlich Wasser getrunken. Wäre aber auch nicht anders gegangen, denn selbst das Anheben eines Pfiff-Glases verursachte mir unglaubliche Schmerzen. Ich glaube, Zerberus lacht sich noch immer heimlich ins trainierte Fäustchen. Mir hingegen ist das Lachen vergangen. Denn auch das tat unheimlich weh.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 03/2011)