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Die, in der ich im „Café Bendl“ über Nacht Eltern wurde

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Wissen Sie:
Der Abend fing ja nicht so optimal an. „Wos schaust denn so deppert, G’schissene?“ rief er mit verrauchter Stimme dröhnend durch das Lokal. Er stand windschief an der Theke, eine verschwommene Mischung aus Helmut Qualtinger und Manfred Deix, und wirkte in seiner Derbheit ganz so, als gehöre er zum Inventar vom „Café Bendl“, verlebt, aber verehrt, eine trinkende Legende, an der die langen Nächte ebenso Spuren hinterlassen hatten wie an der holzvertäfelten Bar, an der er lehnte.

„Wos schaust denn so deppert, G’schissene?“ war also seine Frage, weil mein Blick ihn auf der Suche nach der Kellnerin den Bruchteil einer Sekunde zu lange gestreift hatte. Ich beschloss, lieber nicht zu antworten, sah weg und unterhielt mich mit dem D., mit dem ich hergekommen war, um an einem versteckten Tisch in plüschigen Sesseln versunken über das Leben zu sinnieren.

Eine Stunde später hatte sich der Windschiefe zu einem Pärchen am Nebentisch gesetzt und hielt mit seiner brummigen Stimme einen Monolog. Die beiden schienen nicht allzu glücklich über seine Anwesenheit. Ihre verzweifelten Blicke in unsere Richtung weckten zwar unser Mitleid, allerdings nur bis zu dem Moment, als der Windschiefe seinen Blick auch zu unserem Tisch schweifen ließ.

Er sah den D. und mich lange prüfend an. Nahm meine blond gefärbten Haare zur Kenntnis, meine grünen Augen, senkte dann den Blick zu meinen Brüsten. Nickte. Sah den D. an und nickte sich weiter zu dessen naturblonden Haaren und blauen Augen. Nippte an seinem Bier und sah uns mit erstaunlich klarem Blick an.

„Heast, ihr hättet’s so scheene Kinder“, sagte er dann.
Der D. verschluckte sich fast an seinem Bier.
„Das ist echt nett, aber wir haben keine Kinder miteinander“, antwortete er.
Der Windschiefe brummte etwas Unverständliches, musterte uns kopfschüttelnd und wandte sich wieder dem Pärchen am Nebentisch zu.

Überlegte es sich wieder anders, drehte sich um und sah den D. an.
„Heast, du bist doch schwul!“ sagte er dann.
Jetzt verschluckte ich mich an meinem Bier.
„Nein“, sagte der D., und ich ergänzte: „Der ist alles andere als schwul.“

Der Windschiefe aha-te und mhm-te vor sich hin und sah den D. zweifelnd an.
„Host Beweise?“ fragte er dann.
„Nun ja“, antwortete der D. sanft, „Ich habe drei Kinder.“
„Mit ihr?“ fragte der Windschiefe mit einem freudigen Zucken im linken Augenlid und deutete auf mich.
„Donn san’s sicher scheen!“
„Nein“, sagte ich jetzt ich, „nicht mit mir.“

„Also doch schwul“, schlussfolgerte der Windschiefe.
„Nein“, erklärte der D. geduldig, „mit einer anderen Frau.“
„Eigentlich mit zwei Frauen. Das ist nicht wirklich schwul, oder?“ half ich dem D. weiter.
Der trat mich unter dem Tisch.
Der Windschiefe trank mit einem Schluck sein Bier aus und dachte nach.
„San’s schneene Kinder?“ fragte er dann.
Der D. und ich nickten.
„Host Beweise?“ fragte der Windschiefe.

Wieder nickte der D. und zückte sein iPhone.
Der Windschiefe sah sich die Kinderfotos an, aha-te und mhm-te erneut vor sich hin. Dann entdeckte er etwas.
„Wer is des?“
„Meine Exfrau. Die Mutter der Kinder“, erklärte der D.
De schaut guat aus“, urteilte der Windschiefe.
Der D. nickte erfreut, der Windschiefe wurde aber wieder skeptisch.
„Und die Kinder sind sicher von dir?“ gab er zu bedenken. „I man, weil du doch schwul bist.“
Jetzt verschluckten der D. und ich uns beide an unserem Bier, während der Windschiefe sein neues Bier ex nahm.

„Und ihr seid’s g’schieden?“ fragte er dann.
Der D. nickte.
„Weil du schwul bist?“
Der D. schüttelte so fest den Kopf, dass es bedenklich in seinem Genick knackte.
Der Windschiefe sah wieder mich an.
„Mit ihr wären de G’schroppen aber schöner geworden.“
Der D. atmete jetzt hörbar schwer, also übernahm ich das Gespräch.
„Du, das ist echt lieb von dir, aber es ist so…“ sagte ich, doch der Windschiefe winkte ab und lehnte sich vertrauensvoll zu mir. Und flüsterte gut hörbar für den D. und den Rest des ersten Bezirks: „Mir kannst du’s ja sagen. DER IST DOCH SCHWUL. Aber schneen wären’s, eure Kinder!“

Der D. und ich sahen uns dann doch schon ein Haucherl verzweifelt an, als jetzt wir unsere Biere mit einem Schluck leerten, weil der Windschiefe sich wie selbstverständlich zu uns an den Tisch setzte und weiter neugierig zwischen uns hin- und hersah.
„Nachschub für die Eltern“, dröhnte er dann Richtung Theke, und ehe wir in Tränen oder Panik ausbrechen konnten, standen zwei frische Bier vor uns.
„Auf die scheenen Kinder!“ brummte er und sah uns erwartungsvoll an.
Der D. und ich hoben verschämt unsere Gläser und verständigten uns unter dem Tisch nonverbal mit ordentlichen Fußtritten. Ich glaube, an dieser Stelle dachten wir parallel daran, heimlich mit den Füßen einen Fluchtweg nach draußen zu graben oder dem Windschiefen einfach Recht zu geben, Mama und schwuler Papa zu werden und drei scheene Kinder zu kriegen.

Eine Stunde und einen Hektoliter Bier später musste der D. gehen und verabschiedete sich von mir.
„Wos? Du gehst? Ohne die da?“ fragte der Windschiefe schockiert. „Heast, du bist doch wirklich schwul!“

Als ich wenig später im Bett lag und die Welt sich verschwommen um mich drehte, war ich nicht mehr in Lage, viel über diesen Abend nachzudenken.
Ich glaube aber, mein letzter Gedanke war: „Der D. hätte mir echt sagen können, dass er schwul ist. Wir hätten doch so scheene Kinder haben können!“


(bisher unveröffentlicht)

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Die, in der ich an keinem Wet-T-Shirt-Contest teilnehme

Wissen Sie: Wenn man seinen Urlaub plant, gibt es ein Ziel, das man meiden sollte: All inklusive-Clubs. Denn da ist wirklich alles inklusive: stupide Freizeitbeschäftigungen, penetrante Fröhlichkeit und übermotivierte Animateure. Weder will ich nackt Bingo spielen, noch an einem Wet-T-Shirt-Contest teilnehmen – und schon gar nicht will ich mit einem Animateur Sex haben, der jede Touristin vernascht, die nicht bei „Drei“ auf der nächsten Palme ist. Und doch bin ich zwei Mal in solchen Clubs des Grauens gelandet. Das erste Mal als Opfer meiner Eltern. Ich war 16 und eine so genannte Club-Jungfrau mit großen Erwartungen, die nach drei Minuten jedoch abgeschmettert wurden.

 Am nächsten Tag wollte ich sterben oder meine lädierte Leber auf dem nächsten Basar verscherbeln

In den ersten Tagen lernte ich, wie man beim Abendessen eine Flasche Wein mitgehen lassen kann. Als ich nach einer Woche ein paar Leute kannte, die das auch beherrschten, stand einem Gelage am Strand nichts im Wege – und bald war ich breit wie der Nil. Am nächsten Tag wollte ich sterben oder aber meine lädierte Leber auf dem nächsten Basar verscherbeln. Tapfer stand ich auf, doch meine Mutter merkte gleich, was los war und wollte mich zur Toilette bringen. Wir erreichten das Bad mit Müh und Not – in ihren Armen das Kind war – zwar nicht tot, aber es erbrach beachtliche Mengen Rotwein auf die weißen Fließen. Den Rest des Tages lag ich im Bett. Da mein Zimmerfenster offen war und nur ein paar Meter über dem Pool lag, bekam ich die Partystimmung rund um die Uhr mit. Abends döste ich gerade schwer leidend vor mich hin, als plötzlich ein Bierwetttrinken angekündigt wurde. Ängstlich zog sich mein Magen zusammen. Ein Animateur stellte die Teilnehmer aus den diversen Ländern vor und brüllte plötzlich: „From Austria: Melanie!“ Ich sprang auf und sah gerade noch, wie meine ältere Schwester einen Liter Bier auf ex runterkippte – und erbrach dann ein letztes Mal beschämt die traurigen Überbleibsel der vorherigen Nacht auf den tunesischen Boden.

 „I don’t know this woman!“

Unvergessen auch der letzte Club-Urlaub mit meinen Eltern. Wo es einst total uncool war, mit seinen Eltern zu verreisen, habe ich heute selten mit Menschen so viel Spaß. Als ich mich vor ein paar Jahren mit ihnen auf Kos traf, waren sie schon da. Als ich einchecken wollte, wies ich an der Rezeption darauf hin, dass meine Eltern schon Hotelgäste wären. Eine Angestellte zeigte mir den Reisepass meines Vaters, ich nicke lächelnd und sagte: „Oh yes, that’s my father“. Wenig später hielt sie den Reisepass meiner Mutter hoch. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt – aber ich stutzte, runzelte die Stirn und rief panisch in hoher Stimmlage: „I don’t know this woman!“ Für mich war das ganz großes Kino, für die Hotelangestellte ein ganz großer Skandal. Selbst viel Freundlichkeit und Trinkgeld half nicht über das Vorurteil hinweg, dass mein Vater ein unmoralischer Weiberheld sei und meine Mutter seine billige Geliebte …


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 07/2009)

Die, in der ich 13 mal (dazwischen) komme

Wissen Sie: Es ist Samstag und mein Telefon klingelt. Da es halb zwei in der Nacht ist, bin ich etwas verwundert – noch verwunderter bin ich allerdings über den Anrufer. Denn es ist der S. – und meine erste Reaktion ist lautes Lachen. Warum? Das ist eine peinliche Geschichte des Dramas „Mein Handy, Prosecco & ich“.

  1. Akt: Es ist doch so: Frauen sind kommunikativ und emotional. Und multitaskingfähig. Was bedeutet, dass sie mehrere Sachen gleichzeitig tun können. Mit der Freundin über das Kamasutra diskutieren, sich die die Zehennägel lackieren und parallel siebzehn Folgen „Sex and the City“ gucken. Wenn eine Frau jedoch versucht, andere Dinge gleichzeitig zu machen – zu viel trinken, zu viel fühlen, zu viel telefonieren –, wird aus dieser Multitaskingfähigkeit der Fluch, betrunken seinen Exfreund anzurufen, um ihm zu sagen, dass er schlecht im Bett war. Mit dem Hinweis, dass es doch auf die Größe ankommt. Oder um ihm mit einer Trillerpfeife – tröörööööt! – einen Tinitus zu verschaffen. Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten, sich zu blamieren. Ich bin Weltmeister darin.
  1. Akt: Ein Abend im April. Ich hatte einen miesen Tag und den Prosecco kalt gestellt. Nach einem Glas geht es mir besser. Nach dem dritten fühle ich mich wie neu. Und nach dem siebten Glas bin ich kommunikativ, emotional – und beschließe, den S. anzurufen. Uns verbindet eine Freundschaft – und manchmal kommt uns Sex dazwischen. Sex ist aber nicht der Grund, warum er mir in den Sinn kommt, denn er hat eine Freundin (und ich bin zu betrunken). Es ist die Art Einsamkeit, die entsteht, wenn man zu viel Prosecco getrunken hat. Also rufe ich an. Zwar zeigt mir ein Blick in den Spiegel, dass ich schiele und vier Augen habe, aber hey, was soll’s. Leider hebt er nicht ab, und ich falle promilleschwer ins Bett.
  1. Akt: Am nächsten Morgen fühle ich mich, als würden Tokio Hotel auf meinem Kopf durch den Monsun gehen, und als ich meine Mailbox abhöre, will ich freiwillig mit Bill Kaulitz ans Ende der Welt. Denn wie mir der S. etwas ungehaltenen mitteilt, habe ich ihn 13 Mal angerufen. Das findet er nicht so lustig, weil er schlafen wollte. Mit seiner Freundin. Ich war in dieser Nacht die einzige, die (dazwischen) gekommen ist. 13 Mal. Peinlich! Nachdem ich mich drei Tage lang geschämt habe, beschließe ich, dem S. aus dem Weg zu gehen. Und seiner Freundin – sicher ist sicher.

Ach ja, warum ich lachen musste, als S. um halb zwei anrief? Weil wir jetzt quitt sind. Auf der Mailbox klingt er um halb zwei Uhr morgens nicht ungehalten, sondern betrunken. Und willens, dieses Mal mit mir zu schlafen. Vermutlich 13 Mal. Weil auch bei Männern die Kombination von Alkohol, Emotionen und Handy peinlich sein kann. Touché!


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 06/2008)

Die, in der ich mich zu Weihnachten wie Kunstrasen fühle

Wissen Sie: Der geneigte Leser dieser Kolumne, der meine Macken schon kennt, würde vermuten, dass ich ein chronischer Weihnachtshasser bin. Aber nein, so ist es nicht. Es gibt durchaus Momente, wo ich mich dem Wahn beuge. Sie wissen schon: mir die Speiseröhre verbrennen beim Glühwein-Komasaufen, mich als Rentier verkleiden oder in öffentlichen Verkehrsmitteln so penetrant „Last Christmas“ summen, dass ich Lokalverbot kriege. Und trotzdem: Je älter ich werde, desto mehr sträube ich mich gegen massentaugliche Events und den nahenden weihnachtlichen Overkill. Ein Protokoll dessen, was mich am 24. Dezember erwarten könnte:

11 Uhr: Ich wachte verkatert auf. Am Vorabend in Klagenfurt angekommen und bierselig Wiedersehen gefeiert. Ich fühle mich wie Kunstrasen.

13 Uhr: Wir essen etwas Leichtes zu Mittag, damit abends richtig was reinpasst. Als meine Mutter mich fragt, ob ich ein Bier will, zieht sich meine Leber zwar weinerlich zusammen, aber ich zögere nicht. Scheiß der Hund drauf.

15 Uhr: Wir langweilen uns, weil der Baum geschmückt und fürs Raclette alles geschnippelt ist. Mein Vater schlägt vor, einen Haselnussbrand zu trinken. Nüsse sind ja gut fürs Gehirn.

16 Uhr: Wir warten auf den Rest der Familie. Meine Mutter fragt nicht mehr, ob ich ein Bier will, sie stellt es einfach hin. Nur Haselnussbrand wäre ja doch etwas eintönig.

17 Uhr: Meine Oma kommt und sagt mir nicht, wie groß ich geworden bin, sondern dass ich zugenommen habe. Aus Rache schenke ich ihr ein Stamperl Gurktaler-Schnaps ein. Und trinke mit – gerade zu Weihnachten sollte man ja auf seine Manieren achten.

18 Uhr: Wir essen Raclette wie die Wahnsinnigen. Mein Magen fühlt sich an, als hätte ich zehn Quadratmeter Kunstrasen verspeist. Und ja, obwohl ich kein Weintrinker bin, nehme ich ein Schlückchen Rotwein. Passt schließlich farblich perfekt zu meinem Nagellack.

19 Uhr: Wir singen Weihnachtslieder. Es klingt nach Tierquälerei.

19:30: Weil meine Nichte „Stille Nacht“ nicht mag, stimmen wir ihr zuliebe „Pippi Langstrumpf an“. Mir ist irgendwie mehr nach „Highway To Hell“ von AC/DC.

20 Uhr: Meine Nichte packt Geschenke aus. Ich empfinde Eifersucht, als ich einige Hello Kitty-Spielsachen entdecke, und beginne mit der 3-Jährigen eine Diskussion darüber, dass es für ihre soziale Kompetenz wichtig ist, dass sie lernt zu teilen. Das Kind bricht in Tränen aus.

20:30 Uhr: Die Tränen sind getrocknet, jetzt mal ein Haselnussbrand. Die anderen trinken auf den Weltfrieden, ich auf Hello Kitty.

21 Uhr: Mein Vater schwankt in den Keller, um die zweite Kiste Bier nach oben zu tragen. Hoppla, er bringt auch eine Flasche Schnaps mit.

21. 30 Uhr: Meine Oma möchte nach Hause und wir stellen fest, dass nur meine Nichte 0 Promille hat. Ich bin dafür, dass man 2010 schon mit drei Jahren den Führerschein machen kann und hole eine Runde Bier.

22 Uhr: Noch ’ne Nuss büdde. Und hey, ’n Bier dazu. Ich habe die Befürchtung, das hier wird noch richtig weh tun. Bis einer weint. Dann fange ich eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Kunstrasen an.

23 Uhr: Mein Vater intoniert lautstark „Blau, blau, blau ist die Haselnuss“. Ich möchte endlich von ihm wissen, was er von Kunstrasen hält, doch er kann nicht antworten, er trinkt gerade ein Schnäpschen.

0:00 Uhr: Ich stehe auf dem Balkon und schaue auf St. Martin. Ob das da draußen alles Kunstrasen ist, und wenn ja: Wer mäht ihn? Ja ja, es wird schon glei’ dümmer.

1:00: Besinnungslose Weihnachten. Wir fallen um.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 12/2009)

P.S.: Weil ich schon 2009 nach Erscheinen dieser Kolumne mehrfach gefragt wurde, was es denn mit dem Kunstrasen auf sich hat, kaufe ich ein J und möchte an dieser Stelle lösen: Inspiriert dazu hat mich Jürgen von der Lippe mit diesem Programm. Über das ich heute noch grenzdebil lache, nebenbei bemerkt.

Die, in der ich zu klein, zu dick und zu unwichtig für den roten Teppich bin

Wissen Sie: Das mit Promi-Partys ist so eine Sache. Eigentlich will da jeder hin. Eigentlich könnte es total spannend werden. Eigentlich stellt man sich das total bunt vor: Neben dem Who is Who der österreichischen Promiszene stehen! Trinken! Reden! Lachen! Flachlegen! Aber eigentlich ist das Bullshit. Eigentlich liege ich lieber im Jogginganzug vor dem Fernseher und schaue mir zum dritten Mal die zehn Staffeln von „Friends“ an, als neben Uschi Glas zu pinkeln (und ja, das habe ich tatsächlich schon gemacht).

 *kreisch*, bin im gleichen Raum wie Michael Jackson *kreisch*

Und doch falle ich immer wieder darauf rein. Während ich das tippe, gehe ich gedanklich meinen Kleiderschrank (und, da ich multitaskingfähig bin, meinen Kontostand) durch, um zu entscheiden, was ich anziehen oder kaufen soll. Denn in knapp 24 Stunden findet der „Amadeus Award“ statt – und ich wurde eingeladen. Also werde ich hingehen und mich dem Wahn einer angeblich so angesagten Promisause widmen. Um eines klarzustellen: Es ist nicht mein erstes Mal. Als ich das erste Mal auf einer Promi-Party war, fühlte es sich wie Weihnachten, Sex mit Robbie Williams und Gratis-Shopping bei Christian Louboutin auf einmal an. Es war eine Bambi-Verleihung vor etwa zehn Jahren, bei der Michael Jackson Ehrengast war. Als ich umringt von Lachshäppchen und Blitzlicht-Ludern auf seinen Auftritt wartete und er 20 Meter von mir entfernt auftauchte, verschickte ich so viele SMS an meine Freunde (*kreisch*, bin im gleichen Raum wie Michael Jackson *kreisch*!), dass meine Handyrechnung garantiert höher war als die von seiner letzter Operation an der Nasenscheidewand.

 Scheiß drauf, ich trink die Puffbrause, bis sie mir zu den Ohren rauskommt!

Die Ernüchterung kam, als ich kurz nach einem so genannten A-Promi mit latentem Untergewicht über den roten Teppich schritt. Ich scheiterte an der zu-Krankheit (zu klein, zu dick, zu unwichtig), und anstatt im Blitzlichtgewitter zu posieren, stolperte ich über eine Teppichfalte und verschwand verschämt im Off. Ich will nicht lügen, so eine Promi-Sause kann schon spannend sein. In meiner äußerst vielschichtigen Persönlichkeit (also in meiner Einbildung) lungern jene kleinen Teufel, die Dekadenz, Luxus und unnötigen Krimskrams toll finden. Alle drei Sekunden ein neues Glas Champagner bekommen, obwohl man eigentlich lieber ein kühles Blondes hätte? Scheiß drauf, ich trink die Puffbrause, bis sie mir zu den Ohren rauskommt! Tatsächlich: Ich hab Champagner verschüttet und kulinarische Köstlichkeiten wie pochierten Hummerfußpilz, panierte Rogenhoden oder glasierte Fischeier gegessen und mich morgens neben anderen Wichtigtuern von den Putzfrauen aus der so was von angesagten Partylocation fegen lassen. Aber wissen Sie, was erstaunlich ist? Irgendwann hatte es sich ausgefeiert, und die Lust auf Partys im Kreise der Haute Volee wurde so groß wie die auf Herpes von einem Leichtmatrosen. Denn eines Abends ertappte ich mich dabei, dass ich – anstatt im Rampenlicht meine Brüste appetitlich für die Kameras zu platzieren – in der Ecke ausharrte, wo die Kellner mit ihren Häppchen raus kamen. Bis sie die Partymeute erreichten, war ihr Tablett leer und ich satt. Irgendjemand muss doch dafür sorgen, dass diese Promi-Hungerhaken weiterhin Klamotten in Kindergrößen kaufen können, oder?

Die nächsten Partys ließ ich aus. Weil es nichts zu sehen und erst recht nichts zu feiern gab. Und wissen Sie was? Auf den „Amadeus Award“ habe ich dann doch verzichtet. Das Büffet war angeblich eh nicht der Rede wert. Und alles anderes? Nun ja: same shit, different party!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 10/2010)

Die, in der manche Typen zur Weihnachtszeit der Herbergssuche eine neue Bedeutung geben

Wissen Sie: Es ist ja Weihnachtszeit und damit auch die Zeit von unzähligen Weihnachtsfeiern. Egal ob Firma, Familie oder Freunde: Überall alkoholgeschwängerte Stimmung, Christkindlmarkt, Glühwein, Kampftrinken und vieles mehr. Man kommt nicht dran vorbei, gesellig zu sein und sich umringt von partyfreudigen Menschen auf das schönste Fest des Jahres zu freuen. Der Haken daran: Anstatt besinnlich zu sein, wird sich nur besinnungslos besoffen. „Stille Nacht, heilge Nacht“? Wohl eher „Ihr Trottelein kommet“.

Und nein, erst recht nicht will ich es auch!

Begibt man sich als Frau in der Weihnachtszeit ins pulsierende Nachtleben, trifft man auf diese Szenerie: Männer, die krampfhaft braten, baggern und balzen und auf der Suche nach einem warmen Bettchen der ursprünglichen Herbergssuche eine neue Bedeutung geben. Männer, die von sich denken, dass sie das schönste Geschenk auf Erden sind; allerdings ein Geschenk, das ich nicht mal auspacken muss, um zu erkennen: Es ist Schrott. Umtausch sowieso ausgeschlossen. Am schlimmsten sind aber sind all die abgedroschenen Flirtattacken, denen Frau geballt in der Weihnachtszeit ausgesetzt ist. Nein, wir kennen uns nicht, nein, dieser Platz ist nicht frei, nein, ich komme nicht oft hier her, nein, wir gehen weder zu dir noch zu mir, nein, mein Kleid würde sich nicht gut auf deinem Schlafzimmerboden machen, nein, mein Vater ist kein Dieb und hat Sterne vom Himmel gestohlen, um sie mir in die Augen zu setzen, und nein, erst recht nicht will ich es auch! Das Schlimme ist: Es gibt kein Entrinnen. Egal, wo man in einem Lokal steht: Überall ist dieses spezielle Exemplar Mann, das sich für Gottes größte Schöpfung hält, aber höchstens meine Geduld erschöpft. Und mir das Gefühl gibt, da draußen laufen nur Männer rum, die vier Gehirnwindungen oder Promille davon entfernt sind, sich in Pete Doherty zu verwandeln. Sie wollen Beispiele? Bitte sehr:

Ein Lokal in Wien. Mein Blick ist nach ein paar Gläschen zwar verschwommen, aber mein Verstand noch einigermaßen scharf. Allerdings nicht so scharf wie der Mann neben mir meint zu sein. Seit 15 Minuten redet er in einer Endlosschleife, ganz der Typ Philosphie-Student: viel heiße Luft, die mich kalt lässt. „Ich betrachte die Dinge anders als alle anderen“, meint er klugscheißend, rutscht auf seinem Barhocker immer weiter zu mir und beendet seinen Redefluss mit „Weißt du, ich bin dennoch ein Realist“. Ich hebe eine Augenbraue und sage: „Warum sitzt du dann noch neben mir?“

Ein Lokal in Klagenfurt. Neben mir ein Anzugträger, ein bisschen zu glatt, ein bisschen zu rasiert, ganz der Typ erfolgreicher Businesskerl: großes Auto, großes Konto, große Klappe. Er summt die Fahrstuhlmusik im Hintergrund mit, lässt seinen Scotch-Nebel-Blick über die Theke gleiten und bleibt an mir hängen. Lächelt breit, ein wenig dümmlich, schiebt sich zu mir, mustert mich von oben bis unten. Haucht eine Anmachplattitüde und wartet tatsächlich auf Antwort. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und lasse ihn reden. Er hat die Sprache eines  5-Jährigen und sagt „mega“ und „geil“ und schließt jeden Satz mit „oder so“. Er fühlt sich ob meines Schweigens siegessicher und beendet seinen Monolog mit „Weißt du, ich steh voll auf Persönlichkeit und so.“ Ich stehe auf und sage: „Dann leg dir doch eine zu!“


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 11/2008)

Die, in der ich wegen einer Geburt Amok saufe

Wissen Sie: Ich hab es ja nicht so mit Kindern. Ich habe mir nie als Babysitterin mein Taschengeld aufgebessert, ich breche nicht in alberne Hysterie aus, wenn ich frisch gepresste Säuglinge sehe oder wollte je hormongesteuert und liebestrunken für die Fortpflanzung meiner Gene sorgen. Rotzverschmierte Kinder, die sich im Supermarkt plärrend auf den Boden schmeißen, weil sie keinen zehnten Lutscher kriegen, machen mich schlicht gesagt wahnsinnig. Für mich war immer klar: Ich mag Kinder nicht mal auf Fotos!

Der Muttermund war bei sechs Zentimetern, ich bei sechs Prosecco.

Das änderte sich schlagartig, als meine Schwester schwanger wurde. Bei der Geburt benahm ich mich so, wie werdende Väter im Fernsehen dargestellt werden: Vor Aufregung setzte mein Hirn aus – und ich betrank mich. Um 21 Uhr rief meine Schwester an und sagte, dass die Fruchtblase geplatzt ist und sie ins Krankenhaus fährt. Also stieß ich mal mit mir auf mein nahendes Patenkind an. Am nächsten Morgen war der Muttermund erst drei Zentimeter offen. Dennoch machte mich auf zur Klinik, man weiß ja nie, wie schnell so ein Baby kommt. Unterwegs trank ich einen Verlängerten, dann noch einen, dann noch einen, und nun ja: ein Glas Prosecco. Mein Schwager meldete sich nachmittags mit einem Muttermund-Update: Wir waren bei sechs Zentimetern, ich bei sechs Prosecco. Als meine Schwester dann endlich pressen durfte, hatte ich mich lokaltechnisch zur Klinik vorgearbeitet, aber beinahe so viele Promille wie es an Zentimetern beim Muttermund braucht, um ein Kind zu gebären. Nach 24 Stunden Geburtsvorgang hielt ich meine Nichte endlich im Arm, mein Blick war jedoch verschleiert. War aber auch gut so, denn meine Schwester wurde in diesem Moment an einer Stelle genäht, wo Nadeln definitiv nichts zu suchen haben.

‘Was willst du werden, wenn du mal groß bist? Prinzessin?’ – ‘Bin ich doch schon!’

Heute ist mein Nichtenkind fünf – und ich breche in Verzücken aus, wenn sie rotzverschmiert den zehnten Lutscher verlangt. Natürlich ist sie das schönste, klügste und lustigste Kind der Welt und ich versuche mich als eine Mischung aus cooler Tante und bester Freundin. Das funktioniert super, kann aber auch daran liegen, dass wir beide ein großes Bedürfnis haben, Kronen zu tragen, Hello Kitty und alles Rosarote mögen und Gemüse scheiße finden. Einmal unterhielten wir uns über ihre künftige Berufswahl. „Was willst du werden, wenn du mal groß bist? Prinzessin?“ fragte ich. Genervt rollte sie die Augen: „Bin ich doch schon!“ Ich bin mir zwar sicher, dass sie keine Ahnung hat, was Sarkasmus ist, aber sie hat ihn definitiv schon drauf. Bis heute weiß ich nicht, ob sie besonders reif ist oder ich – sagen wir: enorm anpassungsfähig an das geistige Niveau meiner Gesprächspartner – bin, aber wir führen seit einer Weile echt gute Gespräche. Zum Beispiel einmal morgens, als ich ins Bad gehen wollte. „Die Tante muss sich schminken gehen“, sagte ich. Sie nickte, dachte kurz nach und fragte: „Als was denn?“ – „Ähm, als … schön?“ versuchte ich zu erklären. Wieder nickte sie verständnisvoll: „Also als Schmetterling!“Diese Kinder-Logik hat sie übrigens perfektioniert. Unlängst, als wir uns mal gegenseitig schminkten und sie es schaffte, mehr Lidschatten auf einem Polster als in meinem Gesicht zu verteilen und ich schimpfen wollte, hatte sie erneut eine Antwort parat. „Ich weiß, wo das Problem ist“, sagte sie altklug und deutete auf den weißen Polster mit dem leuchtenden türkisen Fleck drauf, den ich niemals wieder rauskriegen würde. „Das hier ist zu weiß!“ Dann zeigte sie auf den Bettüberwurf, zwar auch weiß, aber mit einem goldenen Muster bedruckt: „Auf den Polster muss ein Muster. Dann sieht man den Schmutz nicht mehr.“

Was soll ich sagen? Am nächsten Tag gingen wir shoppen. Polster mit Muster.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 03/2012)