Die, in der ich 13 mal (dazwischen) komme

Wissen Sie: Es ist Samstag und mein Telefon klingelt. Da es halb zwei in der Nacht ist, bin ich etwas verwundert – noch verwunderter bin ich allerdings über den Anrufer. Denn es ist der S. – und meine erste Reaktion ist lautes Lachen. Warum? Das ist eine peinliche Geschichte des Dramas „Mein Handy, Prosecco & ich“.

  1. Akt: Es ist doch so: Frauen sind kommunikativ und emotional. Und multitaskingfähig. Was bedeutet, dass sie mehrere Sachen gleichzeitig tun können. Mit der Freundin über das Kamasutra diskutieren, sich die die Zehennägel lackieren und parallel siebzehn Folgen „Sex and the City“ gucken. Wenn eine Frau jedoch versucht, andere Dinge gleichzeitig zu machen – zu viel trinken, zu viel fühlen, zu viel telefonieren –, wird aus dieser Multitaskingfähigkeit der Fluch, betrunken seinen Exfreund anzurufen, um ihm zu sagen, dass er schlecht im Bett war. Mit dem Hinweis, dass es doch auf die Größe ankommt. Oder um ihm mit einer Trillerpfeife – tröörööööt! – einen Tinitus zu verschaffen. Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten, sich zu blamieren. Ich bin Weltmeister darin.
  1. Akt: Ein Abend im April. Ich hatte einen miesen Tag und den Prosecco kalt gestellt. Nach einem Glas geht es mir besser. Nach dem dritten fühle ich mich wie neu. Und nach dem siebten Glas bin ich kommunikativ, emotional – und beschließe, den S. anzurufen. Uns verbindet eine Freundschaft – und manchmal kommt uns Sex dazwischen. Sex ist aber nicht der Grund, warum er mir in den Sinn kommt, denn er hat eine Freundin (und ich bin zu betrunken). Es ist die Art Einsamkeit, die entsteht, wenn man zu viel Prosecco getrunken hat. Also rufe ich an. Zwar zeigt mir ein Blick in den Spiegel, dass ich schiele und vier Augen habe, aber hey, was soll’s. Leider hebt er nicht ab, und ich falle promilleschwer ins Bett.
  1. Akt: Am nächsten Morgen fühle ich mich, als würden Tokio Hotel auf meinem Kopf durch den Monsun gehen, und als ich meine Mailbox abhöre, will ich freiwillig mit Bill Kaulitz ans Ende der Welt. Denn wie mir der S. etwas ungehaltenen mitteilt, habe ich ihn 13 Mal angerufen. Das findet er nicht so lustig, weil er schlafen wollte. Mit seiner Freundin. Ich war in dieser Nacht die einzige, die (dazwischen) gekommen ist. 13 Mal. Peinlich! Nachdem ich mich drei Tage lang geschämt habe, beschließe ich, dem S. aus dem Weg zu gehen. Und seiner Freundin – sicher ist sicher.

Ach ja, warum ich lachen musste, als S. um halb zwei anrief? Weil wir jetzt quitt sind. Auf der Mailbox klingt er um halb zwei Uhr morgens nicht ungehalten, sondern betrunken. Und willens, dieses Mal mit mir zu schlafen. Vermutlich 13 Mal. Weil auch bei Männern die Kombination von Alkohol, Emotionen und Handy peinlich sein kann. Touché!


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 06/2008)

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Die, in der wir trotz Wurstsalat Freunde bleiben

Wissen Sie: Das erste Mal, als mich ein Mann verließ, war ich zwölf, hatte eine schreckliche Dauerwelle plus eine Vorliebe für blaue Wimperntusche, Matthias Reim und neonfarbene Moonboots. Damals war ich auf Schulskikurs in Heiligenblut, und man ging halt miteinander, also sagte ich Ja, als R. vor mir stand und fragte: „Willst du mit mir gehen?“ Das war natürlich eine Lüge, weil ich mit ihm nirgends hingehen wollte und er mir höchstens auf den Sack ging, aber der Druck war zu groß. Ich wollte nicht enden wie das armselige Streber-Würstchen aus meiner Klasse, das allen Mädchen eben diese Frage stellte, ein Nein nach dem anderen kassierte und irgendwann heulend schrie: „Scheiße, alle besetzt!“ Also ging ich mit R. in die Skikurs-Disko und tanzte einen romantischen Schleicher. Doch so oft ich mir sagte, wie toll es ist, einen Freund zu haben, dachte ich immer nur, dass er sich schleunigst schleichen sollte. Vielleicht spürte er das, vielleicht hätte ich meine neonfarbenen Moonboots ausziehen sollen, aber Fakt ist: Die Trennung nach drei Tagen Beziehung, die selbst eine Vier-Wochen-Ehefrau wie Verona Feldbusch-Bohlen-Pooth vor Neid hätte erblassen lassen, war mir recht. Denn das Aus nach drei Tagen Miteinandergehen, in denen unsere Kommunikation ohnehin nicht über schlabbrige Küsse nach dem mittäglichen Wurstsalat hinausging, war mir genau das – wurscht.

 Loveboat auf Ex

Danach erlebte ich mein erstes Mal. Im Schlussmachen. Warum, das weiß ich heute nicht mehr, nur so viel: Am einen Tag liefen Ch. und ich Hand in Hand durch St. Martin und wurden von älteren Damen als Romeo und Julia bezeichnet (hatten die das mit dem Gift vergessen?), am anderen saß ich mit meinen Freundinnen in einem Tretboot. Ch. hatte mich gesehen und war die weite Strecke von der KAC-Brücke zum Boot geschwommen – doch ich grinste nur fies, rief die drei berühmten Worte „Hau endlich ab!“, und er tauchte unter. Loveboat auf Ex sozusagen.

Das nächste Mal, als ich mich verliebte, ging es tiefer. Da war ich fünfzehn, hatte meine Dauerwelle genauso wie Matthias Reim für peinlich erklärt und war mir sicher, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Ich erlebte das volle Programm. Eltern kennen lernen, Ich liebe dich-Sagen und Hardcore-Fummeln. Doch leider war er ein Fremdknutscher, der als Entschuldigung nur sagte: „Lass uns Freunde bleiben“. Genauso gut hätte er mir das Herz aus der Brust schneiden und darauf Tango tanzen können. Und ich versprach mir, diese vier Worte niemals zu sagen. Das schwor ich auf den Wurstsalat in Heiligenblut.

 Lass uns Freunde bleiben

Aber eines Tages trafen sie mich doch hinterrücks. Indem sie in meinem Mund auftauchten und unbedingt raus wollten. So wie im Geschäft meines Vertrauens, wo die anderen vier berühmten Worte „Ich liebe diese Schuhe“ regelmäßig aus mir raus platzen, ehe ich überhaupt meine Kreditkarte zücken kann. So ähnlich lief es mit P., mit dem ich fünf Jahre zusammen gewesen war. Eines Tages war die Liebe zu klein geworden, um groß zu sein. Und mitten im Stammeln, Stottern und dem kläglichen Versuch, Schluss machen, platzte es raus: „Lass uns Freunde bleiben.“ Er lachte bitter, war gekränkt, schmollte und litt. Doch dann rief er mich nach Monaten eines Tages an. Und meldete sich immer wieder. Und eines Tages, als ich am wenigsten damit gerechnet hatte, sagt er tatsächlich: „Lass uns Freunde bleiben“. Und wir sind es heute noch und werden es bleiben – auch das schwöre ich auf den Wurstsalat in Heiligenblut!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 09/2008)

Die, in der ich die Jungs von Tokio Hotel beim Frisör treffe

Wissen Sie: Alle paar Monate passiert es. Mich überkommt das unbändige Gefühl, dass mir jemand den Kopf waschen muss. Also gehe ich zum Frisör. Mein Stammfrisör zählt zu den besten der Stadt. Ich bekomme dort ein Bademäntelchen, damit ich schön sauber bleibe, genug Komplimente zu meinem ach so fabelhaften Haupthaar und natürlich das obligatorische Gläschen Prosecco für den Kreislauf. Ein Drumherum, das in mir das Gefühl vortäuscht, die Königin in der Welt von St. Frisuristan zu sein, was der latent im mir schlummernden Rampensau natürlich schmeichelt.

Wie sollen solche Jungs ihre Sexualität einsetzen, wenn sie noch nicht mal geschlechtsreif sind?

Neuerdings gibt es dort allerdings etwas, das mich irritiert: knackige Lehrlinge, die offenbar nicht nur dazu da sind, Prosecco zu servieren, sondern auch ein wenig zu enge Jeans zu tragen. Mir ist klar, worauf das abzielt, aber es behagt mir so gar nicht. Klar, es gibt sicher Kundinnen, die ihre Scheine liebend gerne statt in die üblichen Frisör-Spardosen in die Jeans dieser Jungs stecken würden, aber ich gehöre nicht dazu. Ich meine: Das sind Kindsmänner, die wie Toy Boys wirken sollen. Und ich muss mich jedes Mal fragen: Wie sollen solche Jungs ihre Sexualität einsetzen, wenn sie noch nicht mal geschlechtsreif sind? Mich erinnern sie an Tokio Hotel vor ein paar Jahren, wo ich mich immer wieder fragte, warum ich diesen prae-pubertären Musikkindern dabei zusehen soll, wie sie im Rampenlicht erwachsen werden. Will ich das? Erster Kuss, erster Stimmbruch, erster Samenerguss? Und alles, während sie in der Öffentlichkeit durch den Monsun zum Ende der Nacht hatschen? Nein danke, kein Bedarf, nicht mal dann, wenn das erstmals ausgeschüttete Testosteron Einfluss auf ihre bescheuerten Frisuren gehabt hätte.

 Der Knabe wusch mir zwar die Haare, aber gleichzeitig auch Hals, Nacken und Klamotten.

Bisher hatte ich mit diesen Toy Boys nichts zu tun, doch letztens kam tatsächlich so ein Bübchen zu mir und bat mich zum Haare waschen. Und genau da fing das Drama an und ich ging durch den Monsun ans Ende des Unheils. Wo ich normalerweise genüsslich die Augen schließe und mich fallen lasse, um eine entspannte Kopfmassage auszukosten, hätte ich mich in den Händen eines 16-Jährigen doch etwas auf pädophilen Abwegen gefühlt, wenn ich diese Haarwäsche genossen hätte. Das war auch gar nicht möglich. Der Knabe wusch mir zwar die Haare, aber gleichzeitig auch Hals, Nacken und Klamotten. Nach einem dezenten Räuspern und dem rügenden Hinweis, dass ich doch zu sehr gebadet wurde, versprach er Besserung. Drehte die Brause auf und spülte mir im nächsten Waschgang das linke Trommelfell gefühlt zwischen die Kniekehlen. Langsam wurde ich ungehalten und wies das Kind am Wasserhahn darauf hin, dass ich ab sofort trocken bleiben wollte. Vergeblich. Letztlich war ich eingenässt wie eine Dreijährige nach zu viel Konsum von Spezi. Als ich aufstand, sah der Toy Boy auf den Boden und kommentierte verblüfft die Wasserpfütze um das Waschbecken: „Wo kommt die denn her?“ fragte er etwas dümmlich und sah mich an, als hätte ich die Weisheit mit einem großen Löffel gefressen (nein, mein Lieber: es war die große Brause!).

Es war ein resignierter Seufzer, der mir entfleuchte, als ich auf das Wasser zu seinen Beinen deutete und antwortete: „Entweder habe ich recht und du kannst wirklich nicht Haare waschen – oder du hattest gerade deinen ersten Samenerguss.“


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 10/2009)

Die, in der ich pünktlich zu Neujahr eine bessere Version von mir erschaffen will

Wissen Sie: Der Weg zur Hölle ist ja mit guten Vorsätzen gepflastert. Das wusste schon der irische Dramatiker Bernhard Shaw. Was im Klartext heißt: sich fürs neue Jahr etwas vorzunehmen, ist – mit Verlaub und allem Respekt für Ihre eigenen Vorsätze – nichts anderes als zick-zack Hühnerkack. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin Vize-Weltmeisterin in der Disziplin Vorsätze fassen. Aber Weltmeisterin darin, sie wieder zu brechen. Jedes Jahr am 31. Dezember verwandle ich mich in einen unzufriedenen, sich selbst hinterfragenden und verurteilenden Zombie, der höchste Erwartungen ans neue Jahr hat, aber an den eigenen, niederen Instinkten scheitert. Irgendwo in meinen Synapsen brennt die Leitung für logisches Denken durch – und ich will auf einmal alles, aber auch wirklich alles, von dem ich meine, dass ich es im alten Jahr irgendwie falsch gemacht habe, ändern und pünktlich zu Neujahr eine bessere Version von mir erschaffen. Sie wissen schon: mit dem Rauchen aufhören, weniger trinken, mehr Sport treiben, sich gesünder ernähren. All jene Unzulänglichkeiten verändern und verbessern, die einem im Weg stehen und die offensichtlich dran schuld ist, dass man ein gar so schlechter Mensch ist.

Ich werde nie wieder rülpsen und derbe Witze erzählen.

In meinem Kopf sieht es am Silvesterabend in etwa so aus: Alles wird anders! Ich werde eine richtige Lady werden, beim Weggehen nur noch dezent Wein schlürfen und spätestens nach dem zweiten Glas sagen, dass ich nicht mehr kann und geheimnisvoll lächeln. Ich werde nie wieder einen Kater haben, nie wieder einen Tag auf der Couch verschenken. Ich werde nie wieder rülpsen und derbe Witze erzählen. Ich werde nur noch Schuhe mit Absatz tragen, mich immer ordentlich frisieren und darauf achten, dass meine Unterwäsche zusammen passt. Ich werde drei Mal täglich die Zähne putzen, meine Rechnungen pünktlich bezahlen, nur noch Sachen kaufen, die ich auch wirklich brauche und meine Oma ein Mal in der Woche anrufen. Ja. So wird mein Leben lebenswert. Ein guter Plan. Aber wissen Sie was? Wenn ich am 1. Januar vor dem Kühlschrank stehe, ein Reparaturbier in mich schütte und danach herzhaft rülpse, habe ich den Vorsatz vergessen.

 Welcher Trottel hat die guten Vorsätze erfunden?

Und jedes Jahr komme ich nicht umhin, mich zu fragen: Welcher Trottel hat die guten Vorsätze erfunden? Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Der nächste, der mir sagt, das Gute am Leben ist, dass man es jederzeit ändern kann, bekommt eins hinter die Ohren. Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis: Gute Vorsätze können nur dann funktionieren, wenn sie ohne Zwang, ohne Massendruck und vor allem ohne Datumsgrenze gefasst werden. Deshalb möchte ich an dieser Stelle etwas Neues probieren. Ich werde 2010 auf jeden guten Vorsatz verzichten. Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben keine großen Erwartungen ans neue Jahr stellen, ich werde nicht wieder um Mitternacht hoffen und beten, dass im neuen Jahr alles anders wird. Ganz im Gegenteil. Ich werde es halten wie der geschätzte Wiener Kabarettist Gehard Bronner, der in seinem Lied „Das neue Jahr“ das auf den Punkt bringt, was ich mir für mich – und natürlich auch für Sie wünsche: ein unscheinbares Jahr.

„Ich wünsche mir nicht viel vom neuen Jahr / Es soll kein großes sein / Und auch kein Meilenstein /
Ein Jahr, so wie es tausend Mal schon war / Lasst uns bescheiden sein / Es werde klein /
Es sei eine Jahreszahl, die man flüchtig liest / Die für die Geschichte später nicht wichtig ist /
Ich wünsche mir ein unscheinbares Jahr / Das nicht gemessen wird /
Von Hass zerfressen wird / Das bald vergessen wird /
Wie jedes gute Jahr.“ 
(Gerhard Bronner)


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 01/2010)

Die, in der ich mich zu Weihnachten wie Kunstrasen fühle

Wissen Sie: Der geneigte Leser dieser Kolumne, der meine Macken schon kennt, würde vermuten, dass ich ein chronischer Weihnachtshasser bin. Aber nein, so ist es nicht. Es gibt durchaus Momente, wo ich mich dem Wahn beuge. Sie wissen schon: mir die Speiseröhre verbrennen beim Glühwein-Komasaufen, mich als Rentier verkleiden oder in öffentlichen Verkehrsmitteln so penetrant „Last Christmas“ summen, dass ich Lokalverbot kriege. Und trotzdem: Je älter ich werde, desto mehr sträube ich mich gegen massentaugliche Events und den nahenden weihnachtlichen Overkill. Ein Protokoll dessen, was mich am 24. Dezember erwarten könnte:

11 Uhr: Ich wachte verkatert auf. Am Vorabend in Klagenfurt angekommen und bierselig Wiedersehen gefeiert. Ich fühle mich wie Kunstrasen.

13 Uhr: Wir essen etwas Leichtes zu Mittag, damit abends richtig was reinpasst. Als meine Mutter mich fragt, ob ich ein Bier will, zieht sich meine Leber zwar weinerlich zusammen, aber ich zögere nicht. Scheiß der Hund drauf.

15 Uhr: Wir langweilen uns, weil der Baum geschmückt und fürs Raclette alles geschnippelt ist. Mein Vater schlägt vor, einen Haselnussbrand zu trinken. Nüsse sind ja gut fürs Gehirn.

16 Uhr: Wir warten auf den Rest der Familie. Meine Mutter fragt nicht mehr, ob ich ein Bier will, sie stellt es einfach hin. Nur Haselnussbrand wäre ja doch etwas eintönig.

17 Uhr: Meine Oma kommt und sagt mir nicht, wie groß ich geworden bin, sondern dass ich zugenommen habe. Aus Rache schenke ich ihr ein Stamperl Gurktaler-Schnaps ein. Und trinke mit – gerade zu Weihnachten sollte man ja auf seine Manieren achten.

18 Uhr: Wir essen Raclette wie die Wahnsinnigen. Mein Magen fühlt sich an, als hätte ich zehn Quadratmeter Kunstrasen verspeist. Und ja, obwohl ich kein Weintrinker bin, nehme ich ein Schlückchen Rotwein. Passt schließlich farblich perfekt zu meinem Nagellack.

19 Uhr: Wir singen Weihnachtslieder. Es klingt nach Tierquälerei.

19:30: Weil meine Nichte „Stille Nacht“ nicht mag, stimmen wir ihr zuliebe „Pippi Langstrumpf an“. Mir ist irgendwie mehr nach „Highway To Hell“ von AC/DC.

20 Uhr: Meine Nichte packt Geschenke aus. Ich empfinde Eifersucht, als ich einige Hello Kitty-Spielsachen entdecke, und beginne mit der 3-Jährigen eine Diskussion darüber, dass es für ihre soziale Kompetenz wichtig ist, dass sie lernt zu teilen. Das Kind bricht in Tränen aus.

20:30 Uhr: Die Tränen sind getrocknet, jetzt mal ein Haselnussbrand. Die anderen trinken auf den Weltfrieden, ich auf Hello Kitty.

21 Uhr: Mein Vater schwankt in den Keller, um die zweite Kiste Bier nach oben zu tragen. Hoppla, er bringt auch eine Flasche Schnaps mit.

21. 30 Uhr: Meine Oma möchte nach Hause und wir stellen fest, dass nur meine Nichte 0 Promille hat. Ich bin dafür, dass man 2010 schon mit drei Jahren den Führerschein machen kann und hole eine Runde Bier.

22 Uhr: Noch ’ne Nuss büdde. Und hey, ’n Bier dazu. Ich habe die Befürchtung, das hier wird noch richtig weh tun. Bis einer weint. Dann fange ich eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Kunstrasen an.

23 Uhr: Mein Vater intoniert lautstark „Blau, blau, blau ist die Haselnuss“. Ich möchte endlich von ihm wissen, was er von Kunstrasen hält, doch er kann nicht antworten, er trinkt gerade ein Schnäpschen.

0:00 Uhr: Ich stehe auf dem Balkon und schaue auf St. Martin. Ob das da draußen alles Kunstrasen ist, und wenn ja: Wer mäht ihn? Ja ja, es wird schon glei’ dümmer.

1:00: Besinnungslose Weihnachten. Wir fallen um.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 12/2009)

P.S.: Weil ich schon 2009 nach Erscheinen dieser Kolumne mehrfach gefragt wurde, was es denn mit dem Kunstrasen auf sich hat, kaufe ich ein J und möchte an dieser Stelle lösen: Inspiriert dazu hat mich Jürgen von der Lippe mit diesem Programm. Über das ich heute noch grenzdebil lache, nebenbei bemerkt.

Die, in der ich zu klein, zu dick und zu unwichtig für den roten Teppich bin

Wissen Sie: Das mit Promi-Partys ist so eine Sache. Eigentlich will da jeder hin. Eigentlich könnte es total spannend werden. Eigentlich stellt man sich das total bunt vor: Neben dem Who is Who der österreichischen Promiszene stehen! Trinken! Reden! Lachen! Flachlegen! Aber eigentlich ist das Bullshit. Eigentlich liege ich lieber im Jogginganzug vor dem Fernseher und schaue mir zum dritten Mal die zehn Staffeln von „Friends“ an, als neben Uschi Glas zu pinkeln (und ja, das habe ich tatsächlich schon gemacht).

 *kreisch*, bin im gleichen Raum wie Michael Jackson *kreisch*

Und doch falle ich immer wieder darauf rein. Während ich das tippe, gehe ich gedanklich meinen Kleiderschrank (und, da ich multitaskingfähig bin, meinen Kontostand) durch, um zu entscheiden, was ich anziehen oder kaufen soll. Denn in knapp 24 Stunden findet der „Amadeus Award“ statt – und ich wurde eingeladen. Also werde ich hingehen und mich dem Wahn einer angeblich so angesagten Promisause widmen. Um eines klarzustellen: Es ist nicht mein erstes Mal. Als ich das erste Mal auf einer Promi-Party war, fühlte es sich wie Weihnachten, Sex mit Robbie Williams und Gratis-Shopping bei Christian Louboutin auf einmal an. Es war eine Bambi-Verleihung vor etwa zehn Jahren, bei der Michael Jackson Ehrengast war. Als ich umringt von Lachshäppchen und Blitzlicht-Ludern auf seinen Auftritt wartete und er 20 Meter von mir entfernt auftauchte, verschickte ich so viele SMS an meine Freunde (*kreisch*, bin im gleichen Raum wie Michael Jackson *kreisch*!), dass meine Handyrechnung garantiert höher war als die von seiner letzter Operation an der Nasenscheidewand.

 Scheiß drauf, ich trink die Puffbrause, bis sie mir zu den Ohren rauskommt!

Die Ernüchterung kam, als ich kurz nach einem so genannten A-Promi mit latentem Untergewicht über den roten Teppich schritt. Ich scheiterte an der zu-Krankheit (zu klein, zu dick, zu unwichtig), und anstatt im Blitzlichtgewitter zu posieren, stolperte ich über eine Teppichfalte und verschwand verschämt im Off. Ich will nicht lügen, so eine Promi-Sause kann schon spannend sein. In meiner äußerst vielschichtigen Persönlichkeit (also in meiner Einbildung) lungern jene kleinen Teufel, die Dekadenz, Luxus und unnötigen Krimskrams toll finden. Alle drei Sekunden ein neues Glas Champagner bekommen, obwohl man eigentlich lieber ein kühles Blondes hätte? Scheiß drauf, ich trink die Puffbrause, bis sie mir zu den Ohren rauskommt! Tatsächlich: Ich hab Champagner verschüttet und kulinarische Köstlichkeiten wie pochierten Hummerfußpilz, panierte Rogenhoden oder glasierte Fischeier gegessen und mich morgens neben anderen Wichtigtuern von den Putzfrauen aus der so was von angesagten Partylocation fegen lassen. Aber wissen Sie, was erstaunlich ist? Irgendwann hatte es sich ausgefeiert, und die Lust auf Partys im Kreise der Haute Volee wurde so groß wie die auf Herpes von einem Leichtmatrosen. Denn eines Abends ertappte ich mich dabei, dass ich – anstatt im Rampenlicht meine Brüste appetitlich für die Kameras zu platzieren – in der Ecke ausharrte, wo die Kellner mit ihren Häppchen raus kamen. Bis sie die Partymeute erreichten, war ihr Tablett leer und ich satt. Irgendjemand muss doch dafür sorgen, dass diese Promi-Hungerhaken weiterhin Klamotten in Kindergrößen kaufen können, oder?

Die nächsten Partys ließ ich aus. Weil es nichts zu sehen und erst recht nichts zu feiern gab. Und wissen Sie was? Auf den „Amadeus Award“ habe ich dann doch verzichtet. Das Büffet war angeblich eh nicht der Rede wert. Und alles anderes? Nun ja: same shit, different party!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 10/2010)

Die, in der manche Typen zur Weihnachtszeit der Herbergssuche eine neue Bedeutung geben

Wissen Sie: Es ist ja Weihnachtszeit und damit auch die Zeit von unzähligen Weihnachtsfeiern. Egal ob Firma, Familie oder Freunde: Überall alkoholgeschwängerte Stimmung, Christkindlmarkt, Glühwein, Kampftrinken und vieles mehr. Man kommt nicht dran vorbei, gesellig zu sein und sich umringt von partyfreudigen Menschen auf das schönste Fest des Jahres zu freuen. Der Haken daran: Anstatt besinnlich zu sein, wird sich nur besinnungslos besoffen. „Stille Nacht, heilge Nacht“? Wohl eher „Ihr Trottelein kommet“.

Und nein, erst recht nicht will ich es auch!

Begibt man sich als Frau in der Weihnachtszeit ins pulsierende Nachtleben, trifft man auf diese Szenerie: Männer, die krampfhaft braten, baggern und balzen und auf der Suche nach einem warmen Bettchen der ursprünglichen Herbergssuche eine neue Bedeutung geben. Männer, die von sich denken, dass sie das schönste Geschenk auf Erden sind; allerdings ein Geschenk, das ich nicht mal auspacken muss, um zu erkennen: Es ist Schrott. Umtausch sowieso ausgeschlossen. Am schlimmsten sind aber sind all die abgedroschenen Flirtattacken, denen Frau geballt in der Weihnachtszeit ausgesetzt ist. Nein, wir kennen uns nicht, nein, dieser Platz ist nicht frei, nein, ich komme nicht oft hier her, nein, wir gehen weder zu dir noch zu mir, nein, mein Kleid würde sich nicht gut auf deinem Schlafzimmerboden machen, nein, mein Vater ist kein Dieb und hat Sterne vom Himmel gestohlen, um sie mir in die Augen zu setzen, und nein, erst recht nicht will ich es auch! Das Schlimme ist: Es gibt kein Entrinnen. Egal, wo man in einem Lokal steht: Überall ist dieses spezielle Exemplar Mann, das sich für Gottes größte Schöpfung hält, aber höchstens meine Geduld erschöpft. Und mir das Gefühl gibt, da draußen laufen nur Männer rum, die vier Gehirnwindungen oder Promille davon entfernt sind, sich in Pete Doherty zu verwandeln. Sie wollen Beispiele? Bitte sehr:

Ein Lokal in Wien. Mein Blick ist nach ein paar Gläschen zwar verschwommen, aber mein Verstand noch einigermaßen scharf. Allerdings nicht so scharf wie der Mann neben mir meint zu sein. Seit 15 Minuten redet er in einer Endlosschleife, ganz der Typ Philosphie-Student: viel heiße Luft, die mich kalt lässt. „Ich betrachte die Dinge anders als alle anderen“, meint er klugscheißend, rutscht auf seinem Barhocker immer weiter zu mir und beendet seinen Redefluss mit „Weißt du, ich bin dennoch ein Realist“. Ich hebe eine Augenbraue und sage: „Warum sitzt du dann noch neben mir?“

Ein Lokal in Klagenfurt. Neben mir ein Anzugträger, ein bisschen zu glatt, ein bisschen zu rasiert, ganz der Typ erfolgreicher Businesskerl: großes Auto, großes Konto, große Klappe. Er summt die Fahrstuhlmusik im Hintergrund mit, lässt seinen Scotch-Nebel-Blick über die Theke gleiten und bleibt an mir hängen. Lächelt breit, ein wenig dümmlich, schiebt sich zu mir, mustert mich von oben bis unten. Haucht eine Anmachplattitüde und wartet tatsächlich auf Antwort. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und lasse ihn reden. Er hat die Sprache eines  5-Jährigen und sagt „mega“ und „geil“ und schließt jeden Satz mit „oder so“. Er fühlt sich ob meines Schweigens siegessicher und beendet seinen Monolog mit „Weißt du, ich steh voll auf Persönlichkeit und so.“ Ich stehe auf und sage: „Dann leg dir doch eine zu!“


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 11/2008)