Kategorie: Kolumnen

Die, in der ich im „Café Bendl“ über Nacht Eltern wurde

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Wissen Sie:
Der Abend fing ja nicht so optimal an. „Wos schaust denn so deppert, G’schissene?“ rief er mit verrauchter Stimme dröhnend durch das Lokal. Er stand windschief an der Theke, eine verschwommene Mischung aus Helmut Qualtinger und Manfred Deix, und wirkte in seiner Derbheit ganz so, als gehöre er zum Inventar vom „Café Bendl“, verlebt, aber verehrt, eine trinkende Legende, an der die langen Nächte ebenso Spuren hinterlassen hatten wie an der holzvertäfelten Bar, an der er lehnte.

„Wos schaust denn so deppert, G’schissene?“ war also seine Frage, weil mein Blick ihn auf der Suche nach der Kellnerin den Bruchteil einer Sekunde zu lange gestreift hatte. Ich beschloss, lieber nicht zu antworten, sah weg und unterhielt mich mit dem D., mit dem ich hergekommen war, um an einem versteckten Tisch in plüschigen Sesseln versunken über das Leben zu sinnieren.

Eine Stunde später hatte sich der Windschiefe zu einem Pärchen am Nebentisch gesetzt und hielt mit seiner brummigen Stimme einen Monolog. Die beiden schienen nicht allzu glücklich über seine Anwesenheit. Ihre verzweifelten Blicke in unsere Richtung weckten zwar unser Mitleid, allerdings nur bis zu dem Moment, als der Windschiefe seinen Blick auch zu unserem Tisch schweifen ließ.

Er sah den D. und mich lange prüfend an. Nahm meine blond gefärbten Haare zur Kenntnis, meine grünen Augen, senkte dann den Blick zu meinen Brüsten. Nickte. Sah den D. an und nickte sich weiter zu dessen naturblonden Haaren und blauen Augen. Nippte an seinem Bier und sah uns mit erstaunlich klarem Blick an.

„Heast, ihr hättet’s so scheene Kinder“, sagte er dann.
Der D. verschluckte sich fast an seinem Bier.
„Das ist echt nett, aber wir haben keine Kinder miteinander“, antwortete er.
Der Windschiefe brummte etwas Unverständliches, musterte uns kopfschüttelnd und wandte sich wieder dem Pärchen am Nebentisch zu.

Überlegte es sich wieder anders, drehte sich um und sah den D. an.
„Heast, du bist doch schwul!“ sagte er dann.
Jetzt verschluckte ich mich an meinem Bier.
„Nein“, sagte der D., und ich ergänzte: „Der ist alles andere als schwul.“

Der Windschiefe aha-te und mhm-te vor sich hin und sah den D. zweifelnd an.
„Host Beweise?“ fragte er dann.
„Nun ja“, antwortete der D. sanft, „Ich habe drei Kinder.“
„Mit ihr?“ fragte der Windschiefe mit einem freudigen Zucken im linken Augenlid und deutete auf mich.
„Donn san’s sicher scheen!“
„Nein“, sagte ich jetzt ich, „nicht mit mir.“

„Also doch schwul“, schlussfolgerte der Windschiefe.
„Nein“, erklärte der D. geduldig, „mit einer anderen Frau.“
„Eigentlich mit zwei Frauen. Das ist nicht wirklich schwul, oder?“ half ich dem D. weiter.
Der trat mich unter dem Tisch.
Der Windschiefe trank mit einem Schluck sein Bier aus und dachte nach.
„San’s schneene Kinder?“ fragte er dann.
Der D. und ich nickten.
„Host Beweise?“ fragte der Windschiefe.

Wieder nickte der D. und zückte sein iPhone.
Der Windschiefe sah sich die Kinderfotos an, aha-te und mhm-te erneut vor sich hin. Dann entdeckte er etwas.
„Wer is des?“
„Meine Exfrau. Die Mutter der Kinder“, erklärte der D.
De schaut guat aus“, urteilte der Windschiefe.
Der D. nickte erfreut, der Windschiefe wurde aber wieder skeptisch.
„Und die Kinder sind sicher von dir?“ gab er zu bedenken. „I man, weil du doch schwul bist.“
Jetzt verschluckten der D. und ich uns beide an unserem Bier, während der Windschiefe sein neues Bier ex nahm.

„Und ihr seid’s g’schieden?“ fragte er dann.
Der D. nickte.
„Weil du schwul bist?“
Der D. schüttelte so fest den Kopf, dass es bedenklich in seinem Genick knackte.
Der Windschiefe sah wieder mich an.
„Mit ihr wären de G’schroppen aber schöner geworden.“
Der D. atmete jetzt hörbar schwer, also übernahm ich das Gespräch.
„Du, das ist echt lieb von dir, aber es ist so…“ sagte ich, doch der Windschiefe winkte ab und lehnte sich vertrauensvoll zu mir. Und flüsterte gut hörbar für den D. und den Rest des ersten Bezirks: „Mir kannst du’s ja sagen. DER IST DOCH SCHWUL. Aber schneen wären’s, eure Kinder!“

Der D. und ich sahen uns dann doch schon ein Haucherl verzweifelt an, als jetzt wir unsere Biere mit einem Schluck leerten, weil der Windschiefe sich wie selbstverständlich zu uns an den Tisch setzte und weiter neugierig zwischen uns hin- und hersah.
„Nachschub für die Eltern“, dröhnte er dann Richtung Theke, und ehe wir in Tränen oder Panik ausbrechen konnten, standen zwei frische Bier vor uns.
„Auf die scheenen Kinder!“ brummte er und sah uns erwartungsvoll an.
Der D. und ich hoben verschämt unsere Gläser und verständigten uns unter dem Tisch nonverbal mit ordentlichen Fußtritten. Ich glaube, an dieser Stelle dachten wir parallel daran, heimlich mit den Füßen einen Fluchtweg nach draußen zu graben oder dem Windschiefen einfach Recht zu geben, Mama und schwuler Papa zu werden und drei scheene Kinder zu kriegen.

Eine Stunde und einen Hektoliter Bier später musste der D. gehen und verabschiedete sich von mir.
„Wos? Du gehst? Ohne die da?“ fragte der Windschiefe schockiert. „Heast, du bist doch wirklich schwul!“

Als ich wenig später im Bett lag und die Welt sich verschwommen um mich drehte, war ich nicht mehr in Lage, viel über diesen Abend nachzudenken.
Ich glaube aber, mein letzter Gedanke war: „Der D. hätte mir echt sagen können, dass er schwul ist. Wir hätten doch so scheene Kinder haben können!“


(bisher unveröffentlicht)

Die, in der die Frühlingsgefühle die Kontrolle übernehmen

Wissen Sie: Frühlingsgefühle sind ja Doping fürs Gemüt. Die ersten Sonnenstrahlen wirken wie ein aphrodisierendes Aufputschmittel, das die Leute statt grantig plötzlich gampig macht. Bei mir ist das nicht anders, im Gegenteil. Ich bin ein Frühlingsgefühl auf zwei Beinen und erlebe jedes Jahr meine vorzeitigen Wechseljahre, wenn beim Wechsel der Jahreszeiten auch meine Persönlichkeit wechselt und ich mich wie ein postpubertäres Duracell-Häschen mit ADHS-Syndrom benehme. Hoppla!

Wo ich sonst sehr darauf bedacht bin, mich anständig zu benehmen und zu artikulieren, verliere ich im Frühling von einem Tag auf den anderen die Kontrolle über meine gute Erziehung und mein Sprachzentrum. Dann flutschen mir zügellos Sprüche raus, die man sonst nur von einem schlüpferlosen It-Girl bei drei Promille auf dem roten Teppich erwarten würde. Es ist der Fluch des Frühlings, wenn ich zum Opfer meiner Hormone mutiere und in einer verbalen Falle gefangen bin: Woher bitte soll ich wissen, was ich denke, wenn ich es erst höre, wenn ich es sage? Hoppla!

 Ich habe einen hohen Verschleiß an Schlagzeugern.

Und dann passieren mir lauter Dinge, für die ich mich fremdschämen würde, wenn sie einem anderen passieren würden. Kleine Augenblicke mit großen Peinlichkeiten, in denen meine Hormonlanze statt meines Hirnes aus mir spricht. So wie neulich auf einem Konzert. Ein Typ, den ich erst an diesem Abend über Freunde kennen gelernt hatte und der mir daher fremd war, begutachtet kritisch die Band, bewunderte das Solo des Drummers und sagte beiläufig: „Ich hab früher auch Schlagzeug gespielt“. Woraufhin jemand wie aus der Pistole geschossen antwortete: „Das trifft sich gut. Ich habe einen hohen Verschleiß an Schlagzeugern.“ Erst als ich seine konsternierte Miene sah, wurde mir klar, dass ich das gesagt hatte. Hoppla!

Oder an anderer Stelle bei einer Medienveranstaltung, als ein Typ auf mich zueilte und sagte: „Jasmin, wie schön, dich zu sehen!“ Ich versuchte verzweifelt, sein Gesicht zuzuordnen, doch vergebens. „Du kannst dich wirklich nicht an mich erinnern?“ fragte er, tief in seiner Mannesehre gekränkt. Doch bevor ich entschuldigend fragen konnte, wer er denn nun sei, schoss ein Geistesblitz durch mein hormonlastiges Gehirn und ich sagte dröhnend: „Ach, hatten wir mal Sex?“ Hatten wir natürlich nicht, aber vielleicht war gerade deshalb sein Lachen etwas gequält – und er umgehend verschwunden. Hoppla!

 Hoppla!

Dabei folgen meinen Worten ja keine Taten. Meine Frühlingsgefühle bleiben trotz Unsitte stets sittlich. Es ist ein Flirt mit der Möglichkeit, aber nicht mit der Umsetzung dieser. Ein Spiel, bei dem es nicht ums Gewinnen, sondern nur ums Spielen geht, wo man weiß: Am Schluss passiert eh nichts, aber es war trotzdem schön. Flirten via Fantasie, aber ohne Fortsetzung! Deshalb bin ich jetzt schon ein bisschen traurig, dass der Frühling bald vorbei ist. Denn wenn der Sommer mit seiner drückenden Hitze kommt, wird mich wieder eine Trägheit erfassen, die das Gros an Möglichkeiten im Frühling unmöglich macht. Deshalb freue ich mich jetzt schon auf den ersten Sonnenstrahl 2011, wenn ich mich wieder übermütig und out of control für mich selbst fremdschämen werde. Hoppla!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 04/2010)

Die, in der es mit der Gattungstheorie so eine Sache ist

Buggl in Bach

Buggl in Bach

Wissen Sie: Ich war jetzt auf der Alm. Das mache ich jedes Jahr, viel mehr: Ich bin da aufgewachsen. Das Großstadtmädchen in mir ist nämlich nur gelernt, denn zwar bin ich Klagenfurterin, aber ich habe früher jeden Sommer da verbracht: in den Gurktaler Alpen, in einem malerischen Ort namens Buggl in Bach, der aus sechs Häusern, einem Bauernhof, einem Teich und vielen Kühen besteht. Das Örtchen gehört seit Urzeiten einer Bauernfamilie, die die Grundstücke rund um ihren Hof auf ihre Kinder aufteilte. Da nicht alle bleiben wollten, wurde das ein oder andere verkauft – so fingen meine Eltern 1977 an, hier ein Haus zu bauen.

 ‚Kumm her, du verkrüppelte Figur!‘

Wenn ich es einrichten kann, fahre ich jedes Jahr für eine Woche nach Buggl in Bach. Neulich war ich da, als der Bauer die neu geborenen Kälber von ihren Müttern entwöhnte. Das sieht so aus: Die Kuh bleibt im Stall, während ihr Kalb auf der Weide grasen soll. Haut normal hin, nicht aber dieses Mal. Da hatte das Kälbchen solche Sehnsucht nach seiner Mama, dass es nicht im Wald Gras fressen wollte, sondern seine Mutter suchte. Dummerweise tat es das über dem Haus meiner Eltern. Was bedeutete, dass das Tierchen rund um die Uhr erbärmlich muhte – und meine Eltern kein Auge zutaten. Also rückte der Bauer mit seinem Sohn an, um das Kalb in den Wald zu bringen. Und dann fing die Comedyshow an, denn das mit der Gattungstheorie ist ja so eine Sache. Als das Kalb auf keine Rufe reagierte, schrie Bauer senior: „Kumm her, du verkrüppelte Figur!“. Vergebens. Da schaltete sich Bauer junior ein. Rannte auf das Kalb zu und brüllte: „Du bleder Hund!“. Da musste Bauer senior nachziehen. „Du dumme Sau!“ schrie er und rannte dem armen Tier über Stock und Stein nach. Das ganze Schauspiel dauerte eine Stunde, in der meine Eltern und ich im Garten bei Kotelett, Bier und Nussschnaps dachten, wir wären umsonst im Theater, erster Rang natürlich. Ich meine: Vielleicht irren wir uns ja auch. Vielleicht waren das ja liebevolle Kosenamen für das putzige Kälbchen. Vielleicht nennen Bauern ihre Milchkühe heute nicht mehr Butterblume, sondern verkrüppelte Figur und dumme Sau. Seit meiner Kindheit auf der Alm kann sich ja einiges verändert haben.

 ‚Waßt eh, der Koch hot ja übalegt, ob er dir a Stickale von seiner Fettn ausaschneidn soll. Oba des schaut a bled aus, oder?‘

Was sich nicht verändert hat, ist jeder Donnerstagabend im Sommer in Buggl in Bach. Da findet nämlich immer ein Dämmerschoppen statt. Was man dazu wissen muss: Unsere benachbarte Bauernfamilie ist nicht nur in der Landwirtschaft tätig, sie vererben sich auch von Generation zu Generation das Talent zur Volksmusik. Deshalb ist besagtes Dämmerschoppen immer ein Event: Der Bauer auf der Bühne (lustig!), die Bäuerin in der Küche (lecker!), seine Schwestern kellnern (flott!), seine Mama (90 und bumsfidel!) sitzt im Publikum. Neulich bestellte ein Gast ein fettes Kotelett. Nach dem Essen fragte die Kellnerin (und Bauerntochter) A. ihn, ob es fett genug gewesen sei. Der Gast verneinte grimmig, also deutete A. auf den beleibten Grillmeister und sagte trocken: „Waßt eh, der Koch hot ja übalegt, ob er dir a Stickale von seiner Fettn ausaschneidn soll. Oba des schaut a bled aus, oder?“ Der Gast verstummte, während meine Eltern und ich kicherten und wussten, warum wir hier zu Hause sein.

 

P.S: Falls Sie wissen wollen, wie das in der Realität aussieht: Besuchen Sie die „Jausenstation Stubinger“ in Buggl in Bach (über St. Urban, bei Feldkirchen). Von Anfang Juli bis Ende August findet jeden Donnerstagabend ein Dämmerschoppen statt. Ich verspreche: Sie werden es nicht bereuen. 


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 08/2011)

Die, in der sich primäre Geschlechtsorgane aus sekundären Gründen begegnen

Wissen Sie: Kärnten ist ja berühmt für seine Lebensqualität. Und das schreibe ich nicht nur als gebürtige Klagenfurterin, sondern weil es tatsächlich stimmt. In Kärnten haben wir unzählige Höhen und Tiefen, sprich: Berge und Seen, wir haben des Glockners Eisgefilde, der Matten herrlich Grün, der Karawanken Felsenwand, ja ja, alles Kärntner Heimatland. Wir wohnen halt da, wo andere Urlaub machen. Aber es gibt noch einen Grund, hier zu leben. Sex! Der „Durex Local Report“ vor ein paar Jahren ergab: In Kärnten wackeln die Betten. Wir bringen im Durchschnitt 116 Mal im Jahr die Matratzen zum Glühen und sind Sexweltmeister in Österreich, während andere Bundesländer jämmerlich im Off verschwinden. Ja ja, dort, wo Tirol (oje, nur 96 Mal) an Salzburg (ätsch, nur 89 Mal) grenzt …

Und genau das sind die Grenzen, an die ich immer stoße (und nein, das war keine Metapher für Sex). Treue Leser dieser Kolumne wissen: Ich pendle zwischen Österreich und Deutschland, und nein, das ist gelogen, denn ich pendle zwischen Wien und Berlin – und das ist etwas völlig anderes. Denn wo Wien (Berlin) draufsteht, ist noch lange nicht Österreich (Deutschland) drin. Worauf ich hinaus will: Es ist nicht nur die Landesgrenze, die uns trennt. Auch nicht der Hang der Piefke zu Socken in Sandalen oder das Klischee des bärtigen Ösis mit Talent zur Langsamkeit. Nein, nein, die Wahrheit liegt tiefer. Genau da, wo primäre Geschlechtsorgane sich aus sekundären Gründen begegnen.

Ich erkläre das lieber mal: In Berlin könnte ich mich nackt auf ein Auto legen – und alles, was passieren würde, wäre, dass ein Typ vorbei kommt und gelangweilt fragt, ob ich mal Feuer habe. In Österreich hingegen brauche ich nur in meiner Handtasche nach meinen Zigaretten suchen – und bin umringt von einem Haufen Kerlen, die mir weismachen wollen, dass sie bei der Zigarette danach den Teil davor am besten beherrschen.

Sie verstehen, worauf ich hinaus will? Ich sag es mal so: Sex zwischen den Ländern, also Sex zwischen Österreichern und Deutschen – vergessen Sie es lieber gleich. Unterschiedlicher geht es nicht, das Interesse der einen hadert proportional mit den Vorstellungen der anderen. Nehmen wir das Thema Kinderkriegen. Der Berliner an sich kann nicht genug davon kriegen. Es gibt dort mittlerweile tatsächlich Bezirke, wo es mehr Kinder als Drogendealer gibt – und fragen Sie mich lieber nicht, wie ich das finde. Der Berliner an sich denkt: Je mehr Kinder, desto besser. Ihr einziges Problem: Sie müssen Sex haben, um Kinder zu kriegen. Verdammt! Im Gegensatz dazu die Österreicher. Die wollen permanent Sex. Immer und überall, in jeder Situation, mit jedem Menschen, mit jeder Partei (öhm!). Es gibt nur ein Problem: die Konsequenz daraus. Kinder? Gott verhüte!

Sie fragen sich, warum ich noch Single bin? Jetzt wissen Sie’s. Und wenn ich mich demnächst auf einem Auto räkle, sehen Sie lieber weg. Ich verspreche, ich bin nackt.


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 06/2010)

Die, in der ich an einem Reiskorn auf meiner Schaumkrone ersticke

Wissen Sie: Jede Frau malt sich ihre Hochzeit in den buntesten Farben aus. Doch während die meisten in verzückte Schreitiraden ausbrechen, wenn es um Pferdekutschen, Blumenspaliere und Streichquartette geht, verursacht das bei mir nur akuten Brechreiz. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin vielleicht zynisch, aber nicht hochzeitsfeindlich. Möglicherweise werde ich auch eines Tages heiraten und bei der Planung an die Grenzen meines guten Geschmackes stoßen – aber Kusine Kitsch bekommt von mir keine Hochzeitseinladung. Denn zwanghafte Romantik macht mich krank.

 Ätsch, ich habe jetzt einen Mann und ihr armseligen kleinen Single-Würstchen müsst euch jetzt um den Brautstrauß prügeln!

Das fängt an bei dem Brauch, dass die Braut etwas Blaues, Altes, Gebrauchtes und Neues braucht. Wozu? Nehmen Sie mich! Wenn ich mich schon überwinde, einer Fete in Weiß beizuwohnen, dann bin ich ganz sicher blau, fühle mich alt und am nächsten Tag wie gebraucht (nur leider nicht vom heißen Tauzeugen des Bräutigams). Neu ist nur jedes Mal danach die Erkenntnis, dass ich besser zu Hause geblieben wäre, weil chronischer Kitsch und zwanghafte Romantik mich kränker machen als jede Schweinegrippe. Der Höhepunkt meiner Kitschaggression ist übrigens erreicht, wenn’s mit fröhlichen Hochzeitsbräuchen losgeht. Die begreife ich bis heute nicht. Können Sie mir erklären, warum ständig mit etwas geworfen wird? Reis, Blumenblätter, Brautstrauß. Was soll das? Kann ich nicht einfach irgendwo sitzen und gefahrlos ein Bier trinken, ohne an einem Reiskorn auf meiner Schaumkrone zu ersticken? Als ich vor ein paar Jahren genau das tun und das Brautstraußwerfen ignorieren wollte, wurde mir das Glas aus der Hand gerissen, weil die Braut und andere ledige und hochzeitsgeile Frauen mich auf die Tanzfläche brüllten. Ich weiß, sie hat es nicht so gemeint, aber aus ihren Augen lachte wörtlich der Wahnsinn: „Ätsch, ich habe jetzt einen Mann und ihr armseligen kleinen Single-Würstchen müsst euch jetzt um den Brautstrauß prügeln!“ Als sie genau auf mich zielte und das Blumenbouquet an meine linke Schulter knallte, rührte ich keine Miene und erst recht nicht meine Arme. Und als die traurigen Blümchen kläglich auf dem Boden landete und alle Single-Frauen mich so angewidert ansahen, wie ich mich fühlte, sagte ich nur: „So ein Pech, nicht gefangen!“ Doch das ist längst nicht alles. Noch schlimmer finde ich das Klischee über eine heiße Hochzeitsnacht. Wer glaubt, dass es da zur Sache geht, irrt sich gewaltig. Die frisch Vermählten sind entweder völlig ermüdet oder so besoffen, dass sie das Wort „Sex“ nicht mehr sagen können, ehe sie ins Koma fallen. Meine Schwester ist da ein gutes Beispiel. Als sie mit ihrem Ehemann in der Honeymoon Suite verschwand, wollte er sie abschminken, ehe sie ins Bett gingen. Doch weil er betrunken war und das Gesichtswasser mit dem Nagellackentferner verwechselt hatte, stöhnte sie in jener Nacht nur vor Schmerzen.

Heiraten? Irgendwann vielleicht. Aber ganz sicher ohne Kitsch und Brautstrauß werfen. Mit dem erschlage ich höchstens jeden, der Blumen streut, mit Reis wirft oder mir ein blaues Strumpfband andrehen will.


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 05/2008)

Die, in der ich an keinem Wet-T-Shirt-Contest teilnehme

Wissen Sie: Wenn man seinen Urlaub plant, gibt es ein Ziel, das man meiden sollte: All inklusive-Clubs. Denn da ist wirklich alles inklusive: stupide Freizeitbeschäftigungen, penetrante Fröhlichkeit und übermotivierte Animateure. Weder will ich nackt Bingo spielen, noch an einem Wet-T-Shirt-Contest teilnehmen – und schon gar nicht will ich mit einem Animateur Sex haben, der jede Touristin vernascht, die nicht bei „Drei“ auf der nächsten Palme ist. Und doch bin ich zwei Mal in solchen Clubs des Grauens gelandet. Das erste Mal als Opfer meiner Eltern. Ich war 16 und eine so genannte Club-Jungfrau mit großen Erwartungen, die nach drei Minuten jedoch abgeschmettert wurden.

 Am nächsten Tag wollte ich sterben oder meine lädierte Leber auf dem nächsten Basar verscherbeln

In den ersten Tagen lernte ich, wie man beim Abendessen eine Flasche Wein mitgehen lassen kann. Als ich nach einer Woche ein paar Leute kannte, die das auch beherrschten, stand einem Gelage am Strand nichts im Wege – und bald war ich breit wie der Nil. Am nächsten Tag wollte ich sterben oder aber meine lädierte Leber auf dem nächsten Basar verscherbeln. Tapfer stand ich auf, doch meine Mutter merkte gleich, was los war und wollte mich zur Toilette bringen. Wir erreichten das Bad mit Müh und Not – in ihren Armen das Kind war – zwar nicht tot, aber es erbrach beachtliche Mengen Rotwein auf die weißen Fließen. Den Rest des Tages lag ich im Bett. Da mein Zimmerfenster offen war und nur ein paar Meter über dem Pool lag, bekam ich die Partystimmung rund um die Uhr mit. Abends döste ich gerade schwer leidend vor mich hin, als plötzlich ein Bierwetttrinken angekündigt wurde. Ängstlich zog sich mein Magen zusammen. Ein Animateur stellte die Teilnehmer aus den diversen Ländern vor und brüllte plötzlich: „From Austria: Melanie!“ Ich sprang auf und sah gerade noch, wie meine ältere Schwester einen Liter Bier auf ex runterkippte – und erbrach dann ein letztes Mal beschämt die traurigen Überbleibsel der vorherigen Nacht auf den tunesischen Boden.

 „I don’t know this woman!“

Unvergessen auch der letzte Club-Urlaub mit meinen Eltern. Wo es einst total uncool war, mit seinen Eltern zu verreisen, habe ich heute selten mit Menschen so viel Spaß. Als ich mich vor ein paar Jahren mit ihnen auf Kos traf, waren sie schon da. Als ich einchecken wollte, wies ich an der Rezeption darauf hin, dass meine Eltern schon Hotelgäste wären. Eine Angestellte zeigte mir den Reisepass meines Vaters, ich nicke lächelnd und sagte: „Oh yes, that’s my father“. Wenig später hielt sie den Reisepass meiner Mutter hoch. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt – aber ich stutzte, runzelte die Stirn und rief panisch in hoher Stimmlage: „I don’t know this woman!“ Für mich war das ganz großes Kino, für die Hotelangestellte ein ganz großer Skandal. Selbst viel Freundlichkeit und Trinkgeld half nicht über das Vorurteil hinweg, dass mein Vater ein unmoralischer Weiberheld sei und meine Mutter seine billige Geliebte …


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 07/2009)

Die, in der ich eine unheilbare Geschlechtskrankheit vortäusche

Wissen Sie: Es heißt ja, dass bei einer Frau ab 30 die Wahrscheinlichkeit größer ist, von einem Terroristen erschossen zu werden, als einen Partner zu finden. Als ich unlängst jenen schicksalsschwangeren Geburtstag feierte, kam ich also nicht umhin, mich zwiegespalten zu fühlen, da ich von da an in jedem sich mir nähernden Man entweder einen potentiellen Traummann oder einen Terroristen vermute. Beides setzt mich seitdem etwas unter Druck. Weil ich mir gerne Zeit lassen würde – beim Verlieben und beim Sterben. Trotzdem hatte ich das dringende Gefühl, gegen diese Statistik anzustinken und einen Partner zu finden, bevor ich eines Tages erschossen werde. Daher ließ ich mich auf ein Experiment ein – und datete blind, also ohne den jeweiligen Mann vorher zu kennen. Seitdem ergänze ich das Sprichwort „Liebe macht blind“ mit „Blind Dates machen blinder“. Lesen Sie selbst, warum.

 Zukunftspläne mit Haus, Hund und Hometrainer

Blind Date 1: Typ Langzeit-Single (der schlimmste Kandidat, weil er es nicht aus Passion ist, sondern keine andere Frau ihn haben will). Die miesesten Voraussetzungen für ein Date, was mir jede weitere Ausführung des Abends erspart. Vielleicht soviel: Er wollte mich sofort heiraten. Auf der Stelle und mit allem drum und dran. Als er mich beim Kellner seines Vertrauens als Verlobte vorstellte, versuchte ich, ihn mir schön zu trinken, doch ich scheiterte kläglich, da seine Zukunftspläne mit Haus, Hund und Hometrainer mich chronisch ernüchterten. Ich sagte Ja, als er mich nach vererbbaren Geisteskrankheiten in meiner Familie fragte, und als er noch immer unser Leben plante, täuschte ich eine unheilbare Geschlechtskrankheit vor. Danach brachte er mich schnell nach Hause.

Blind Date 2: Typ Lonesome Cowboy. Eine zufällige Bekanntschaft aus dem Zug und so gut aussehend, dass ich heimlich überlegte, wie es wäre, von der Bahn wegen sexueller Belästigung verhaftet zu werden. Ich hatte aber meine Hormone unter Kontrolle und verabredete mich mit ihm – mit Kribbeln im Bauch und der Hoffnung, dass er ein Vielleicht ist. Aber: Je früher die Peinlichkeiten, umso schlimmer das Date. Es war Valentinstag, als wir uns trafen, und da wir dieses Detail vergessen hatten, waren die ersten Minuten des Abends äußerst unangenehm, da der italienische Kellner in minutenlangen Arien das Liebesmenü des Abends anpries, das nicht nur teuer war, sondern auch aphrodisierend wirken sollte, was er mehrmals betonte und uns die Schamesröte ins Gesicht trieb. Der Rest des Abends, also eigentlich unser komplettes Date, war steif und endete mit einem Händedruck und seinen Worten „Wir bleiben in Kontakt“, was in etwa dasselbe ist, wie eine unheilbare Geschlechtskrankheit vorzutäuschen.

Was lernen wir daraus? Dass sich Liebe nicht planen lässt. Sie schlägt dann ein, wenn es vorgesehen ist, egal ob bei Blind Dates oder bei der zehnten Verabredung. Momentan verzichte ich auf Blind Dates. Ich will den Mann, der ein mögliches Vielleicht ist, zumindest ein kleines bisschen kennen, damit ich einschätzen kann, was mich erwartet. Lieber lasse ich mir im Vorfeld durch Sicherheits-Telefonate oder -Mails die Augen öffnen und verliere dabei einen kleinen Hauch Spannung, als nochmals so „blind“ überrascht zu werden.


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 02/2009)

Die, in der ich 13 mal (dazwischen) komme

Wissen Sie: Es ist Samstag und mein Telefon klingelt. Da es halb zwei in der Nacht ist, bin ich etwas verwundert – noch verwunderter bin ich allerdings über den Anrufer. Denn es ist der S. – und meine erste Reaktion ist lautes Lachen. Warum? Das ist eine peinliche Geschichte des Dramas „Mein Handy, Prosecco & ich“.

  1. Akt: Es ist doch so: Frauen sind kommunikativ und emotional. Und multitaskingfähig. Was bedeutet, dass sie mehrere Sachen gleichzeitig tun können. Mit der Freundin über das Kamasutra diskutieren, sich die die Zehennägel lackieren und parallel siebzehn Folgen „Sex and the City“ gucken. Wenn eine Frau jedoch versucht, andere Dinge gleichzeitig zu machen – zu viel trinken, zu viel fühlen, zu viel telefonieren –, wird aus dieser Multitaskingfähigkeit der Fluch, betrunken seinen Exfreund anzurufen, um ihm zu sagen, dass er schlecht im Bett war. Mit dem Hinweis, dass es doch auf die Größe ankommt. Oder um ihm mit einer Trillerpfeife – tröörööööt! – einen Tinitus zu verschaffen. Es gibt aber noch mehr Möglichkeiten, sich zu blamieren. Ich bin Weltmeister darin.
  1. Akt: Ein Abend im April. Ich hatte einen miesen Tag und den Prosecco kalt gestellt. Nach einem Glas geht es mir besser. Nach dem dritten fühle ich mich wie neu. Und nach dem siebten Glas bin ich kommunikativ, emotional – und beschließe, den S. anzurufen. Uns verbindet eine Freundschaft – und manchmal kommt uns Sex dazwischen. Sex ist aber nicht der Grund, warum er mir in den Sinn kommt, denn er hat eine Freundin (und ich bin zu betrunken). Es ist die Art Einsamkeit, die entsteht, wenn man zu viel Prosecco getrunken hat. Also rufe ich an. Zwar zeigt mir ein Blick in den Spiegel, dass ich schiele und vier Augen habe, aber hey, was soll’s. Leider hebt er nicht ab, und ich falle promilleschwer ins Bett.
  1. Akt: Am nächsten Morgen fühle ich mich, als würden Tokio Hotel auf meinem Kopf durch den Monsun gehen, und als ich meine Mailbox abhöre, will ich freiwillig mit Bill Kaulitz ans Ende der Welt. Denn wie mir der S. etwas ungehaltenen mitteilt, habe ich ihn 13 Mal angerufen. Das findet er nicht so lustig, weil er schlafen wollte. Mit seiner Freundin. Ich war in dieser Nacht die einzige, die (dazwischen) gekommen ist. 13 Mal. Peinlich! Nachdem ich mich drei Tage lang geschämt habe, beschließe ich, dem S. aus dem Weg zu gehen. Und seiner Freundin – sicher ist sicher.

Ach ja, warum ich lachen musste, als S. um halb zwei anrief? Weil wir jetzt quitt sind. Auf der Mailbox klingt er um halb zwei Uhr morgens nicht ungehalten, sondern betrunken. Und willens, dieses Mal mit mir zu schlafen. Vermutlich 13 Mal. Weil auch bei Männern die Kombination von Alkohol, Emotionen und Handy peinlich sein kann. Touché!


 

(Erschienen in: „CHICA“, Ausgabe 06/2008)

Die, in der wir trotz Wurstsalat Freunde bleiben

Wissen Sie: Das erste Mal, als mich ein Mann verließ, war ich zwölf, hatte eine schreckliche Dauerwelle plus eine Vorliebe für blaue Wimperntusche, Matthias Reim und neonfarbene Moonboots. Damals war ich auf Schulskikurs in Heiligenblut, und man ging halt miteinander, also sagte ich Ja, als R. vor mir stand und fragte: „Willst du mit mir gehen?“ Das war natürlich eine Lüge, weil ich mit ihm nirgends hingehen wollte und er mir höchstens auf den Sack ging, aber der Druck war zu groß. Ich wollte nicht enden wie das armselige Streber-Würstchen aus meiner Klasse, das allen Mädchen eben diese Frage stellte, ein Nein nach dem anderen kassierte und irgendwann heulend schrie: „Scheiße, alle besetzt!“ Also ging ich mit R. in die Skikurs-Disko und tanzte einen romantischen Schleicher. Doch so oft ich mir sagte, wie toll es ist, einen Freund zu haben, dachte ich immer nur, dass er sich schleunigst schleichen sollte. Vielleicht spürte er das, vielleicht hätte ich meine neonfarbenen Moonboots ausziehen sollen, aber Fakt ist: Die Trennung nach drei Tagen Beziehung, die selbst eine Vier-Wochen-Ehefrau wie Verona Feldbusch-Bohlen-Pooth vor Neid hätte erblassen lassen, war mir recht. Denn das Aus nach drei Tagen Miteinandergehen, in denen unsere Kommunikation ohnehin nicht über schlabbrige Küsse nach dem mittäglichen Wurstsalat hinausging, war mir genau das – wurscht.

 Loveboat auf Ex

Danach erlebte ich mein erstes Mal. Im Schlussmachen. Warum, das weiß ich heute nicht mehr, nur so viel: Am einen Tag liefen Ch. und ich Hand in Hand durch St. Martin und wurden von älteren Damen als Romeo und Julia bezeichnet (hatten die das mit dem Gift vergessen?), am anderen saß ich mit meinen Freundinnen in einem Tretboot. Ch. hatte mich gesehen und war die weite Strecke von der KAC-Brücke zum Boot geschwommen – doch ich grinste nur fies, rief die drei berühmten Worte „Hau endlich ab!“, und er tauchte unter. Loveboat auf Ex sozusagen.

Das nächste Mal, als ich mich verliebte, ging es tiefer. Da war ich fünfzehn, hatte meine Dauerwelle genauso wie Matthias Reim für peinlich erklärt und war mir sicher, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Ich erlebte das volle Programm. Eltern kennen lernen, Ich liebe dich-Sagen und Hardcore-Fummeln. Doch leider war er ein Fremdknutscher, der als Entschuldigung nur sagte: „Lass uns Freunde bleiben“. Genauso gut hätte er mir das Herz aus der Brust schneiden und darauf Tango tanzen können. Und ich versprach mir, diese vier Worte niemals zu sagen. Das schwor ich auf den Wurstsalat in Heiligenblut.

 Lass uns Freunde bleiben

Aber eines Tages trafen sie mich doch hinterrücks. Indem sie in meinem Mund auftauchten und unbedingt raus wollten. So wie im Geschäft meines Vertrauens, wo die anderen vier berühmten Worte „Ich liebe diese Schuhe“ regelmäßig aus mir raus platzen, ehe ich überhaupt meine Kreditkarte zücken kann. So ähnlich lief es mit P., mit dem ich fünf Jahre zusammen gewesen war. Eines Tages war die Liebe zu klein geworden, um groß zu sein. Und mitten im Stammeln, Stottern und dem kläglichen Versuch, Schluss machen, platzte es raus: „Lass uns Freunde bleiben.“ Er lachte bitter, war gekränkt, schmollte und litt. Doch dann rief er mich nach Monaten eines Tages an. Und meldete sich immer wieder. Und eines Tages, als ich am wenigsten damit gerechnet hatte, sagt er tatsächlich: „Lass uns Freunde bleiben“. Und wir sind es heute noch und werden es bleiben – auch das schwöre ich auf den Wurstsalat in Heiligenblut!


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 09/2008)

Die, in der ich die Jungs von Tokio Hotel beim Frisör treffe

Wissen Sie: Alle paar Monate passiert es. Mich überkommt das unbändige Gefühl, dass mir jemand den Kopf waschen muss. Also gehe ich zum Frisör. Mein Stammfrisör zählt zu den besten der Stadt. Ich bekomme dort ein Bademäntelchen, damit ich schön sauber bleibe, genug Komplimente zu meinem ach so fabelhaften Haupthaar und natürlich das obligatorische Gläschen Prosecco für den Kreislauf. Ein Drumherum, das in mir das Gefühl vortäuscht, die Königin in der Welt von St. Frisuristan zu sein, was der latent im mir schlummernden Rampensau natürlich schmeichelt.

Wie sollen solche Jungs ihre Sexualität einsetzen, wenn sie noch nicht mal geschlechtsreif sind?

Neuerdings gibt es dort allerdings etwas, das mich irritiert: knackige Lehrlinge, die offenbar nicht nur dazu da sind, Prosecco zu servieren, sondern auch ein wenig zu enge Jeans zu tragen. Mir ist klar, worauf das abzielt, aber es behagt mir so gar nicht. Klar, es gibt sicher Kundinnen, die ihre Scheine liebend gerne statt in die üblichen Frisör-Spardosen in die Jeans dieser Jungs stecken würden, aber ich gehöre nicht dazu. Ich meine: Das sind Kindsmänner, die wie Toy Boys wirken sollen. Und ich muss mich jedes Mal fragen: Wie sollen solche Jungs ihre Sexualität einsetzen, wenn sie noch nicht mal geschlechtsreif sind? Mich erinnern sie an Tokio Hotel vor ein paar Jahren, wo ich mich immer wieder fragte, warum ich diesen prae-pubertären Musikkindern dabei zusehen soll, wie sie im Rampenlicht erwachsen werden. Will ich das? Erster Kuss, erster Stimmbruch, erster Samenerguss? Und alles, während sie in der Öffentlichkeit durch den Monsun zum Ende der Nacht hatschen? Nein danke, kein Bedarf, nicht mal dann, wenn das erstmals ausgeschüttete Testosteron Einfluss auf ihre bescheuerten Frisuren gehabt hätte.

 Der Knabe wusch mir zwar die Haare, aber gleichzeitig auch Hals, Nacken und Klamotten.

Bisher hatte ich mit diesen Toy Boys nichts zu tun, doch letztens kam tatsächlich so ein Bübchen zu mir und bat mich zum Haare waschen. Und genau da fing das Drama an und ich ging durch den Monsun ans Ende des Unheils. Wo ich normalerweise genüsslich die Augen schließe und mich fallen lasse, um eine entspannte Kopfmassage auszukosten, hätte ich mich in den Händen eines 16-Jährigen doch etwas auf pädophilen Abwegen gefühlt, wenn ich diese Haarwäsche genossen hätte. Das war auch gar nicht möglich. Der Knabe wusch mir zwar die Haare, aber gleichzeitig auch Hals, Nacken und Klamotten. Nach einem dezenten Räuspern und dem rügenden Hinweis, dass ich doch zu sehr gebadet wurde, versprach er Besserung. Drehte die Brause auf und spülte mir im nächsten Waschgang das linke Trommelfell gefühlt zwischen die Kniekehlen. Langsam wurde ich ungehalten und wies das Kind am Wasserhahn darauf hin, dass ich ab sofort trocken bleiben wollte. Vergeblich. Letztlich war ich eingenässt wie eine Dreijährige nach zu viel Konsum von Spezi. Als ich aufstand, sah der Toy Boy auf den Boden und kommentierte verblüfft die Wasserpfütze um das Waschbecken: „Wo kommt die denn her?“ fragte er etwas dümmlich und sah mich an, als hätte ich die Weisheit mit einem großen Löffel gefressen (nein, mein Lieber: es war die große Brause!).

Es war ein resignierter Seufzer, der mir entfleuchte, als ich auf das Wasser zu seinen Beinen deutete und antwortete: „Entweder habe ich recht und du kannst wirklich nicht Haare waschen – oder du hattest gerade deinen ersten Samenerguss.“


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 10/2009)