Die, in der es mit der Gattungstheorie so eine Sache ist

Buggl in Bach

Buggl in Bach

Wissen Sie: Ich war jetzt auf der Alm. Das mache ich jedes Jahr, viel mehr: Ich bin da aufgewachsen. Das Großstadtmädchen in mir ist nämlich nur gelernt, denn zwar bin ich Klagenfurterin, aber ich habe früher jeden Sommer da verbracht: in den Gurktaler Alpen, in einem malerischen Ort namens Buggl in Bach, der aus sechs Häusern, einem Bauernhof, einem Teich und vielen Kühen besteht. Das Örtchen gehört seit Urzeiten einer Bauernfamilie, die die Grundstücke rund um ihren Hof auf ihre Kinder aufteilte. Da nicht alle bleiben wollten, wurde das ein oder andere verkauft – so fingen meine Eltern 1977 an, hier ein Haus zu bauen.

 ‚Kumm her, du verkrüppelte Figur!‘

Wenn ich es einrichten kann, fahre ich jedes Jahr für eine Woche nach Buggl in Bach. Neulich war ich da, als der Bauer die neu geborenen Kälber von ihren Müttern entwöhnte. Das sieht so aus: Die Kuh bleibt im Stall, während ihr Kalb auf der Weide grasen soll. Haut normal hin, nicht aber dieses Mal. Da hatte das Kälbchen solche Sehnsucht nach seiner Mama, dass es nicht im Wald Gras fressen wollte, sondern seine Mutter suchte. Dummerweise tat es das über dem Haus meiner Eltern. Was bedeutete, dass das Tierchen rund um die Uhr erbärmlich muhte – und meine Eltern kein Auge zutaten. Also rückte der Bauer mit seinem Sohn an, um das Kalb in den Wald zu bringen. Und dann fing die Comedyshow an, denn das mit der Gattungstheorie ist ja so eine Sache. Als das Kalb auf keine Rufe reagierte, schrie Bauer senior: „Kumm her, du verkrüppelte Figur!“. Vergebens. Da schaltete sich Bauer junior ein. Rannte auf das Kalb zu und brüllte: „Du bleder Hund!“. Da musste Bauer senior nachziehen. „Du dumme Sau!“ schrie er und rannte dem armen Tier über Stock und Stein nach. Das ganze Schauspiel dauerte eine Stunde, in der meine Eltern und ich im Garten bei Kotelett, Bier und Nussschnaps dachten, wir wären umsonst im Theater, erster Rang natürlich. Ich meine: Vielleicht irren wir uns ja auch. Vielleicht waren das ja liebevolle Kosenamen für das putzige Kälbchen. Vielleicht nennen Bauern ihre Milchkühe heute nicht mehr Butterblume, sondern verkrüppelte Figur und dumme Sau. Seit meiner Kindheit auf der Alm kann sich ja einiges verändert haben.

 ‚Waßt eh, der Koch hot ja übalegt, ob er dir a Stickale von seiner Fettn ausaschneidn soll. Oba des schaut a bled aus, oder?‘

Was sich nicht verändert hat, ist jeder Donnerstagabend im Sommer in Buggl in Bach. Da findet nämlich immer ein Dämmerschoppen statt. Was man dazu wissen muss: Unsere benachbarte Bauernfamilie ist nicht nur in der Landwirtschaft tätig, sie vererben sich auch von Generation zu Generation das Talent zur Volksmusik. Deshalb ist besagtes Dämmerschoppen immer ein Event: Der Bauer auf der Bühne (lustig!), die Bäuerin in der Küche (lecker!), seine Schwestern kellnern (flott!), seine Mama (90 und bumsfidel!) sitzt im Publikum. Neulich bestellte ein Gast ein fettes Kotelett. Nach dem Essen fragte die Kellnerin (und Bauerntochter) A. ihn, ob es fett genug gewesen sei. Der Gast verneinte grimmig, also deutete A. auf den beleibten Grillmeister und sagte trocken: „Waßt eh, der Koch hot ja übalegt, ob er dir a Stickale von seiner Fettn ausaschneidn soll. Oba des schaut a bled aus, oder?“ Der Gast verstummte, während meine Eltern und ich kicherten und wussten, warum wir hier zu Hause sein.

 

P.S: Falls Sie wissen wollen, wie das in der Realität aussieht: Besuchen Sie die „Jausenstation Stubinger“ in Buggl in Bach (über St. Urban, bei Feldkirchen). Von Anfang Juli bis Ende August findet jeden Donnerstagabend ein Dämmerschoppen statt. Ich verspreche: Sie werden es nicht bereuen. 


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 08/2011)

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