Die, in der ich pünktlich zu Neujahr eine bessere Version von mir erschaffen will

Wissen Sie: Der Weg zur Hölle ist ja mit guten Vorsätzen gepflastert. Das wusste schon der irische Dramatiker Bernhard Shaw. Was im Klartext heißt: sich fürs neue Jahr etwas vorzunehmen, ist – mit Verlaub und allem Respekt für Ihre eigenen Vorsätze – nichts anderes als zick-zack Hühnerkack. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche. Ich bin Vize-Weltmeisterin in der Disziplin Vorsätze fassen. Aber Weltmeisterin darin, sie wieder zu brechen. Jedes Jahr am 31. Dezember verwandle ich mich in einen unzufriedenen, sich selbst hinterfragenden und verurteilenden Zombie, der höchste Erwartungen ans neue Jahr hat, aber an den eigenen, niederen Instinkten scheitert. Irgendwo in meinen Synapsen brennt die Leitung für logisches Denken durch – und ich will auf einmal alles, aber auch wirklich alles, von dem ich meine, dass ich es im alten Jahr irgendwie falsch gemacht habe, ändern und pünktlich zu Neujahr eine bessere Version von mir erschaffen. Sie wissen schon: mit dem Rauchen aufhören, weniger trinken, mehr Sport treiben, sich gesünder ernähren. All jene Unzulänglichkeiten verändern und verbessern, die einem im Weg stehen und die offensichtlich dran schuld ist, dass man ein gar so schlechter Mensch ist.

Ich werde nie wieder rülpsen und derbe Witze erzählen.

In meinem Kopf sieht es am Silvesterabend in etwa so aus: Alles wird anders! Ich werde eine richtige Lady werden, beim Weggehen nur noch dezent Wein schlürfen und spätestens nach dem zweiten Glas sagen, dass ich nicht mehr kann und geheimnisvoll lächeln. Ich werde nie wieder einen Kater haben, nie wieder einen Tag auf der Couch verschenken. Ich werde nie wieder rülpsen und derbe Witze erzählen. Ich werde nur noch Schuhe mit Absatz tragen, mich immer ordentlich frisieren und darauf achten, dass meine Unterwäsche zusammen passt. Ich werde drei Mal täglich die Zähne putzen, meine Rechnungen pünktlich bezahlen, nur noch Sachen kaufen, die ich auch wirklich brauche und meine Oma ein Mal in der Woche anrufen. Ja. So wird mein Leben lebenswert. Ein guter Plan. Aber wissen Sie was? Wenn ich am 1. Januar vor dem Kühlschrank stehe, ein Reparaturbier in mich schütte und danach herzhaft rülpse, habe ich den Vorsatz vergessen.

 Welcher Trottel hat die guten Vorsätze erfunden?

Und jedes Jahr komme ich nicht umhin, mich zu fragen: Welcher Trottel hat die guten Vorsätze erfunden? Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Der nächste, der mir sagt, das Gute am Leben ist, dass man es jederzeit ändern kann, bekommt eins hinter die Ohren. Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis: Gute Vorsätze können nur dann funktionieren, wenn sie ohne Zwang, ohne Massendruck und vor allem ohne Datumsgrenze gefasst werden. Deshalb möchte ich an dieser Stelle etwas Neues probieren. Ich werde 2010 auf jeden guten Vorsatz verzichten. Ich werde zum ersten Mal in meinem Leben keine großen Erwartungen ans neue Jahr stellen, ich werde nicht wieder um Mitternacht hoffen und beten, dass im neuen Jahr alles anders wird. Ganz im Gegenteil. Ich werde es halten wie der geschätzte Wiener Kabarettist Gehard Bronner, der in seinem Lied „Das neue Jahr“ das auf den Punkt bringt, was ich mir für mich – und natürlich auch für Sie wünsche: ein unscheinbares Jahr.

„Ich wünsche mir nicht viel vom neuen Jahr / Es soll kein großes sein / Und auch kein Meilenstein /
Ein Jahr, so wie es tausend Mal schon war / Lasst uns bescheiden sein / Es werde klein /
Es sei eine Jahreszahl, die man flüchtig liest / Die für die Geschichte später nicht wichtig ist /
Ich wünsche mir ein unscheinbares Jahr / Das nicht gemessen wird /
Von Hass zerfressen wird / Das bald vergessen wird /
Wie jedes gute Jahr.“ 
(Gerhard Bronner)


 

(Erschienen in: „Kärntner Monat“, Ausgabe 01/2010)

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Ein Kommentar

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