Die, in der ich lerne, wie man sich bei einer Entführung verhält

Wissen Sie: Ich kannte das Wort Telenovela, bevor ich überhaupt begriff, was das ist. Kam ich aus der Schule nach Hause, gab‘s nur eines: „Die Sklavin Isaura“ gucken. Ich war nicht mal zehn Jahre alt, wusste aber schon damals: Sklaverei ist was Doofes und wenn ich groß bin, arbeite ich sicher nicht auf einer Tabakplantage in Brasilien. Natürlich war mir klar, dass das alles Fiktion ist, viel wichtiger war jedoch, dass ich in dieser Telenovela besser als in der Schule lernte, dass Sklaverei ein Eingriff in die Menschenwürde ist.

Danach kamen „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Unter uns“. Ich war in Heiko Richter verknallt, habe mir Elisabeth Meinhardt als Lehrerin gewünscht und davon geträumt, wie cool es wäre, in einer WG wie in der Dachwohnung in der Schillerallee zu leben. Ein Traum, den ich Jahre später als Studentin tatsächlich lebte, immer im Gedanken, dass UU mich auf die Idee dazu gebracht hatte.

Wissen Sie: Man kann über Daily Dramas lästern, wie man will – ich bin der festen Überzeugung, dass sie nicht nur die Fernsehlandschaft verändert haben, sie beeinflussen die Zuschauer auch maßgeblich. Ich wurde nicht durch die „BRAVO“ aufgeklärt, sondern durch Serien. Wo sonst sieht man, wie man liebt und sich trennt, was bei Drogenkonsum passiert und wie man sich bei Mobbing, Fremdgehen, der Scheidung der Eltern und einer Entführung verhält?

Vor allem: Ich habe gelacht, gelitten, geweint und gelernt. Was will man mehr? Und welches Fernsehformat kennen Sie, das all diese Bereiche abdeckt? Ich brauche meine Fluchten aus dem Alltag! Bin ich ein schlechterer Mensch, bin ich blonder, dümmer, dicker, wenn ich lieber Serien gucke als eine Politsendung auf ARTE, die mich bloß frustriert? Man will fliehen aus einer deprimierenden Welt, man braucht Ausgleich und Ablenkung gleichermaßen, warum also nicht etwas konsumieren, was einem dabei hilft? Die Meinung der intellektuellen Oberschicht kann mir gestohlen bleiben; all jene, die angeblich nie Serien gucken, aber Dr. Jo Gerner besser kennen als ihren eigenen Anwalt.

Meine Theorie: Wer behauptet, dass Inhalte in Serien an den Haaren herbeigezogen sind, hat vermutlich ein langweiliges Leben oder wenig Fantasie. Ich habe schon mit 16 mit meinen Freundinnen eine Grafik gebastelt, aus der hervorging, wer in der Clique wann, wo, wie und warum miteinander geknutscht hat. Da sagten wir immer: „Das ist bei uns wie in einem Daily Drama!“ – und waren stolz drauf!

Serien haben mir beigebracht zu träumen und mir eine neue Welt gezeigt. Und sie waren in den schwersten Stunden meines Lebens da. Als ich im August 1997 vor dem Fernseher saß und die Titelmelodie von „Unter uns“ erklang, läutete das Telefon. Ich ging genervt ran, weil ich meine Serie gucken wollte, doch UU wurde plötzlich Nebensache, denn es war meine Oma, die atemlos brüllte, dass mein Opa gerade stirbt. Ich habe wochenlang nicht mehr bei „Unter uns“ eingeschaltet, weil es mich immer daran erinnerte, dass mein Opa tatsächlich gestorben war. Und dann letztlich wieder doch. Denn auch wenn mein Opa fehlte – die Serien waren noch für mich da. Und lenkten mich von dem Kummer ab. Weil Daily Dramas eben bei dir sind. Egal, was kommt.


 

(Erschienen in: Grundy-UFA-Jubiläumszeitschrift „DRAMA“, Herbst/2011)

 

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